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Quelle: Aargauer Zeitung,
Fricktaler Regionalteil
10.8.2001

Alte Kinos schliessen, moderne Multiplex-Kinos mit vielen Sälen
gehen auf. Jeder kennt diese von den einen beklagten und von den
anderen freudig erwartete Geschichte. Lange sah es so aus, als ob
einzelne Kinos keine Chance mehr hätten. Aus Basel, das ansonsten
nicht gerade als Kinostadt gilt, gibt es nun aber ungewöhnliches
zu berichten: Ein kleines Quartierkino ist zu neuem Leben erwacht.
Und es geniesst es in vollen Zügen.
Dabei ist das Kino Royal wohl eines der ältesten Basler Kinos.
Das "Lichtspieltheater mit Tradition", wie es sich selbst nennt,
wurde nämlich schon 1955 eröffnet. Mit "Singin' in the Rain" öffnete
das Kino mit damals 400 Sitzplätzen seine Tore. Nachdem es in den
Siebzigerjahren ein Übernahmeopfer der Basler Chemie wurde, und
fortan als Auditorium diente, wurde es im April diesen Jahres wieder
das, wozu es geschaffen wurde; ein Kino. Im Rahmen des Umbaus der
gesamten Liegenschaft wurde auch das Kino wieder aufgefrischt und
zeigt seitdem vor allem zwei Kategorien von Filmen: "Kleinere" Spielfilme
von heute und Klassiker aus allen Zeiten. Die Reprisen stossen auf
gute Resonanz, denn wie Royal-Betreiber Philipp Fink bedauert, gibt
es heute in Basel kein richtiges Reprisenkino mehr. Dass er diese
Nachfrage stillen möchte bewies er an der Wiedereröffnung. Wie vor
gut 45 Jahren tanze Gene Kelly auch diesen April wieder durch den
Regen Hollywoods.
Das einzige Kino mit Liegestühlen
Besonders stolz ist Philipp Fink auf seinen neusten Clou. Während
man früher vom Balkon auf das Fussvolk auf dem Parkett herunterlächelte,
bleibt einem heute das Grinsen wohl im Halse stecken. Die Besucher
der unteren Etage sitzen - oder liegen - nämlich in 60 brandneuen
Liegestühlen, wie wir sie aus den letzten Strandferien noch in Erinnerung
haben. Wie in "les enfants du paradis" werden die Balkonränge zu
den ‚billigen Plätzen' - welche aber der Tradition nach immer noch
ein Franken teurer sind. Diese verrückte Idee entstand aus einer
Notsituation heraus. Freunde beklagten sich, die Stühle auf dem
Parkett seien zu wenig bequem. Sie schlugen im Spass vor, doch ein
paar Liegestühle aufzustellen. Philipp war von der Idee begeistert
und ersetzte die erste Reihe durch Strandliegen. Während zehn Tagen
wollte er die Resonanz des Publikums testen und aus dem Experiment
wurde ein voller Erfolg. Oft war die ganze Reihe ausgebucht. Innert
kürzester Zeit konnte er in der Folge ein grosses Möbelhaus dazu
überreden, ihm 60 Liegestühle zur Verfügung zu stellen - im Gegenzug
erfährt man in der Werbung den Namen des Sponsors.
Die Liegestühle und die unkomplizierte Führung des Betriebs haben
dazu geführt, dass eine auffallend familiäre und unkonventionelle
Stimmung herrsche. Da lässt man es auch einmal durchgehen, wenn
ein Gast sein Picknick nicht von der Bar, sondern aus der angrenzenden
Filiale von McDonalds mitbringt.
Das Royal geht aber nicht nur mit der Bestuhlung eigene Wege. Übers
Internet können sich die Zuschauer nämlich an der Programmierung
des Filmtheaters beteiligen. Jeder Besucher der Internetseite "www.kino-royal.ch"
hat drei Stimmen pro Tag, die er auf eine lange Liste von Angeboten
verteilen kann. Später - so wird versprochen - werden die Top Shots
bei der Auswahl berücksichtigt. Allerdings werden dabei nicht einfach
die Filme mit den meisten Stimmen ausgesucht, denn wie immer versuchten
auch hier ganz angefressene Fans, die Wahl zu beeinflussen. So gab
es zwischen den Filmen zuoberst auf der Hitparade ein veritable
Kopf-an-Kopf-Rennen, da zwei rivalisierende Fan-Gruppen immer wieder
den eigenen Film pushten. Auch gelang es einmal jemandem, die Mechanik
der maximal drei Stimmen zu überlisten. Der Webmaster hat nun Wege
gefunden, wie man dennoch herausfinden kann, welche Filme von den
meisten Leuten gewünscht werden. Im Moment stehen die Filme Dead
Poet's Society (1989), Carmen (1983) und Round Midnight (1986) ganz
oben auf der Liste. Aber auch der ‚Film der Filme' Cinema Paradiso
(1989) wird vielleicht wieder einmal im Kino zu sehen zu sein, wobei
dieser ganz gut ins Royal passen würde.
"Ich bin auch nicht abgeneigt, Hollywood zu zeigen"
Oft wird in der Filmszene zwischen Studiokinos und Hollywood-Kinos
unterschieden. Die einen konzentrieren sich auf die grossen ‚Blockbuster',
die mehrheitlich aus Übersee stammen, die anderen zeigen kleine
Filme, die oft ein höheres Anspruchsniveau haben. Philipp Fink mag
diese Unterscheidung nicht, und er kann sich auch nicht für eines
von beidem entscheiden. Ihm ist es egal, von wo ein Film stammt
und wie gross das Budget war; am Ende zählt nur die Geschichte,
die er erzählt. Auch amerikanische Filme haben da Platz im Programm.
Vor kurzem lief eine Reprise von "Easy Rider" und die Rechte für
den Eröffnungsfilm "Singin' in the rain" musste Fink gar direkt
in Hollywood erwerben, da der Streifen von 1952 bei uns nicht mehr
bei einem Verleiher untergebracht war. Finanziell war die Premiere
kein gutes Geschäft; die eine Vorstellung kostete alleine für das
Filmmaterial gute 1000 Franken. Aber für die Wiedereröffnung gönnte
sich der Filmfan diesen Luxus.
Zwei wichtige Punkte legte mir Philipp noch ans Herz. Das Kino
Royal ist das wohl am besten erschlossenste Kino von Basel. "Für
jeden Sitzplatz gibt es einen Parkplatz, gleich vis-à-vis." Für
das Parking des Badischen Bahnhofs gibt es spezielle Karten für
die Kinobesucher. Wer mit dem Auto anreist, kann nach dem Film sein
Billet gegen eine spezielle Ausfahrtkarte umtauschen, die in jedem
Fall nur 3 Fr. 50 kostet - egal wie lange man den Platz beansprucht.
Und er ergänzt: "Gerade für die Besucher aus dem Aargau ist das
doch optimal". Der Fall, dass der Besuch im Royal etwas länger dauert
ist ebenfalls vorprogrammiert. Denn das gleichnamige Restaurant
im Haus offeriert zu jedem Film ein passendes Menu, das vor oder
nach dem Film angeboten wird. So steht zum Film "Summer of Sam"
ein Chicken Gumbo auf der Speisekarte und zu den kommenden französischen
Filmen wird es vermutlich einen Coq au vin geben. Ein Besuch im
Royal geht wahrlich durch Herz und Magen.
Die effektiv gedruckte Version unterscheidet sich
in Details von dieser Version. Aus Gründen der Machbarkeit
habe ich die von mir abgegebene Version verwendet. Interessierte
können sich hier
die gedruckte Version als Grafik herunterladen.
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