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© Basler Zeitung; 16.06.2008; Seite bazab17
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Vom Forscher zum Pragmatiker
Einst forderte David Thiel die Aufspaltung der Stromgesellschaften, heute leitet er eine

Michael Heim
Im März stiess David Thiel von den privaten Wasserwerken Zug als Chef zu den Basler IWB. Hier will er weiter auf den Staatsbetrieb setzen.

1995 legte an der Universität Basel ein junger Ökonom eine Doktorarbeit über die Stromwirtschaft vor. Sie hatte eine brisante Forderung als Schluss: Die Stromkonzerne mit ihren Monopolen sollten in voneinander unabhängige Netzgesellschaften und Stromhändler aufgeteilt werden. Gleichzeitig forderte er die Privatisierung der herausgelösten Unternehmensteile.

Der Ökonom war damals 29 Jahre alt und hiess David Thiel. Inzwischen hat er selber in der Energiebranche Karriere gemacht und ist seit diesem April oberster Chef der Industriellen Werke Basel (IWB).

Thiel relativiert heute seine alten Forderungen, obwohl sie unter unabhängigen Fachleuten inzwischen common sense sind. Eine buchhalterische Trennung von Netz und Handel reichen ihm inzwischen aus, von einer Teilung der IWB hält er nichts mehr. Das Stromversorgungsgesetz regle genau, wie weit das sogenannte Unbundling gehen müsse. Die IWB erfüllten diese Vorgaben, betont Thiel.

Auch das Wort Privatisierung meidet Thiel. Nicht etwa, weil er grundsätzlich dagegen wäre – bis vor Kurzem arbeitete Thiel bei den Wasserwerken Zug, die seit ihrer Gründung im Jahr 1878 private Besitzer haben. Nein, es sind die neuen Umstände. Die IWB stehen mitten in einem Prozess, der ihnen mehr Autonomie als Staatsbetrieb verschaffen soll. Thiel weiss genau, dass zu viel Privatisierungsfreude politische Gegner nähren würde.

Berufsziel Kunsthändler. Thiel war schon immer flexibel. Zur Stromwirtschaft stiess der in Bottmingen aufgewachsene Ökonom über Umwege. «Ursprünglich wollte ich Kunsthändler werden», erzählt er. Mit einer Latein-Matura begann er 1986 ein Studium an der Uni Basel. Thiel belegte Vorlesungen in den Kunstwissenschaften und im Marketing. Er schrieb Arbeiten über Trends auf dem Kunstmarkt oder Galerienmarketing. Thiel hatte ein Ziel vor Augen.

Über Praktika beim Auktionshaus Sotheby’s gewann er Einblicke in die Welt des Kunsthandels. «Plötzlich verkehrte ich in der Welt der Fünfsternehotels.» Thiels Augen beginnen zu glänzen, wenn er davon erzählt. Durch die kontrollierte Fassade des Managers bricht der Privatmensch hindurch.

Thiels Kunstkarriere endete abrupt wegen eines Politentscheids. Sotheby’s hatte ihm eines der wenigen Stipendien angeboten, doch es galt nur für Studierende aus dem Europäischen Wirtschaftsraum. Den Beitritt zu eben diesem EWR lehnte das Schweizervolk im Herbst 1992 ab. Die Option Sotheby’s verfiel.

Thiel wandte sich vom Kunstmarkt ab. Aus Trotz? Aus Enttäuschung? Nein, sagt er. Er sei unabhängig davon zur Erkenntnis gekommen, dass es Spannenderes gebe als Kunsthandel. «Ich wollte nicht mein Leben damit verbringen, mit Halbadligen über den Cresta Club in St. Moritz zu reden.» Er machte sich auf die Suche nach einer neuen Branche und fand den Strom. Die Kunst wurde zum Hobby.

Das Bundesamt für Energie verwies Thiel an die Aargauischen Elektrizitätswerke, welche ihm eine Dissertation finanzierten. Die Schlüsse, die er darin zog, provozierten. Die Strombranche machte sich damals über vieles Gedanken, weniger aber über eine Liberalisierung und schon gar nicht über eine Aufspaltung der mächtigen Monopolgesellschaften. «Die waren damals noch nicht bereit für einen Ökonomen», sagt er rückblickend.

1995 wechselte Thiel auf die Seite der Unternehmensberater. Bei der damaligen STG Coopers & Lybrand erwarb er zudem das Diplom als Steuerberater. Nach zwei Jahren dann der Schritt zurück in die Industrie; erst zur BWK, dann im Jahr 2000 zu den Wasserwerken Zug (WWZ).

WWZ-Geschäftsführer Hajo Leutenegger hat nur gute Worte für Thiel, verweist aber auf dessen etwas eigenen Stil. Unter den vielen Technikern sei er als Ökonom aufgefallen. « Thiel kann gewinnend wirken, er ist aber auch ein hartnäckiger Verhandler», sagt Leutenegger. Thiel hatte Erfolg, war bei den WWZ sowohl im Energieeinkauf als auch in der Vermarktung verschiedener Produkte tätig.

Auch zur Kunst fand Thiel zurück, denn die WWZ treten als Sponsor auf. Thiel wurde Stiftungsrat bei den Freunden des Kunsthauses und Präsident der Zuger Kunstgesellschaft. Nicht selten habe er am Morgen über Stromlieferungen verhandelt und am Nachmittag über Neuanschaffungen im Kunsthaus, sagt er. Es gefiel ihm.

Grossbetrieb IWB. Nun leitet Thiel die IWB, einen Betrieb, rund zehn Mal so gross wie die WWZ. Freunde hätten ihn auf die Stelle hingewiesen, da habe er sich beworben. Einen Monat lang liess er sich vom früheren Geschäftsführer Eduard Schumacher den Betrieb zeigen, dann bezog er sein Büro.

Thiels Start war harzig. Neben ihm hatten sich auch Mitglieder der IWB-Direktion um den Chefposten beworben. Die Wahl eines Externen habe eine Situation ergeben, die «für beide Seiten nicht einfach» gewesen sei, sagt Pressesprecher René Kindhauser. Einer der Unterlegenen ist Daniel Moll, Leiter der Sparte Anlagen und Netze. Er verabschiedet sich von den IWB und wechselt bald zum Aargauer Holzbau-Unternehmen Erne. Thiel gibt sich selbstbewusst und zielstrebig. Beim Gespräch mit der baz erscheint er mit einer Liste mit Themen, die er abhandeln will. Ein Projekt der IWB bespricht er – wie wenn es ein Zufall wäre – rasch zu Beginn des Pressetermins mit Kindhauser. Thiel wirkt stets konzentriert. Nur selten bittet er, eine Aussage doch lieber nicht zu zitieren. Es ist der David Thiel, wie ihn sein früherer Chef beschrieben hat. Ein schlauer Fuchs.

Leidenschaft Strom. Doch wer ist der private Thiel? Das Privatleben könne er gut von der Arbeit trennen, sagt er über sich. Regelmässig ziehe er sich mit seiner Freundin ins selbst restaurierte Ferienhaus zurück. Das Meiensäss ist ohne Stromanschluss. Doch Thiel wäre nicht Energiemanager, hätte er es nicht mit Fotovoltaik und Solartherme ausgebaut. Auch auf Wanderungen könne er es nicht lassen, bei Wasserreservoirs und Strommasten nachzuschauen, wem sie gehören, sagt er. Dabei gerät er ins Schwärmen: Die eleganten Hochspannungsleitungen von Axpo, BKW und Konsorten, die Unterschiede von Land zu Land. Und noch einmal glänzen Thiels Augen.

Von der Kunstwelt habe er sich etwas verabschieden müssen, sagt Thiel. So viel Zeit wie in Zug könne er künftig wohl nicht mehr aufwenden. Er pflege weiter seine private Sammlung mit Schweizer Landschaftsmalerei. Noch ziert nur ein kleines Bild das Büro an der Margarethenstrasse – eine Hinterlassenschaft seines Vorgängers. Gut möglich, meint Thiel, dass an einer der noch weissen Wände schon bald etwas Neues hänge. Vielleicht mit einem italienischen Strommasten drauf.