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© Basler Zeitung; 25.01.2010; Seite bazab20
wirtschaft

«Die Aufgabe hat intellektuellen Reiz»
Jens Alder über seinen neuen Job in Basel und die Schwierigkeit, Vorgaben umzusetzen

Interview: Michael Heim, Valentin Kressler
Seit Anfang Jahr ist Jens Alder Verwaltungsratspräsident der Industriellen Werke Basel. Nun äussert sich der frühere Swisscom-Chef erstmals ausführlich über sein neues Mandat.

 

zur person

Ingenieur. Jens Alder (52) hat sein Leben in einem hochtechnologischen Umfeld verbracht. Nach Studien an der ETH und der französischen Kaderschmiede Insead war er für Alcatel, für die damalige Motor-Columbus und schliesslich für die Swisscom tätig. Diese führte er zwischen 1999 und 2006 als Chef. Zuletzt war Alder bis 2008 Chef der Sunrise-Besitzerin TDC. Bis im Sommer war er Sunrise-Präsident, nun sitzt er dort noch im Verwaltungsrat. hec

   

BaZ: Herr Alder, als die Regierung Sie zum Präsidenten der IWB ernannt hat, wurde IWB-Chef David Thiel intern und unter Politikern gerade heftig für seinen Führungsstil kritisiert. Wie haben Sie das miterlebt?

Jens Alder: Als ich von der Diskussion vernahm, vereinbarte ich mit Regierungsrat Christoph Brutschin, dass ich mich einklinken würde. Falls der Chef wirklich hätte zur Disposition stehen sollen, wollte ich die entscheidende Stimme haben. Ich war dann tief involviert und kann nur sagen: Ich weiss viel über das, was vorgefallen ist und fühle mich wohl mit Herrn Thiel. Ich stehe zu hundert Prozent zu ihm.

Was spricht für ihn?

Sehr vieles. Zunächst sehe ich ihn als eine gestandene Persönlichkeit mit einem festen Wertgefüge. Zweitens betrachte ich ihn als ausserordentlich kompetent für unser Kerngeschäft, die Energie. Und zu guter Letzt: Ich habe das Gefühl, dass wir gut zusammen ticken.

Weshalb dann die Kritik? Herr Brutschin hat auf den Kulturwandel in den IWB verwiesen.

Ich möchte das nicht kommentieren, das liegt in der Vergangenheit. Wenn ich aber eine persönliche Klammer öffnen darf: Ich habe schon zwei Mal ein Unternehmen übernommen, das einen Kulturwandel durchmachte. Die Folge war beide Male, dass sieben von zehn Geschäftsleitungsmitgliedern das Unternehmen innerhalb von zwölf Monaten verlassen haben. Das lag hoffentlich nicht nur daran, dass ich eine unmögliche Person bin. Das ist auch ein Weg, ein Unternehmen neu ausrichten zu können.

Diskutiert wurden auch die Interessenkonflikte im Verwaltungsrat – etwa bei Aeneas Wanner, der gleichzeitig für den Verein Energie Zukunft Schweiz tätig ist. Wie gehen Sie damit um?

 

Politiker dominieren den IWB-Verwaltungsrat

sieben köpfe. Der neue, von Jens Alder präsidierte Verwaltungsrat der Industriellen Werke Basel (IWB), hat vergangene Woche seine erste Sitzung abgehalten. Im Dezember hatte bereits ein informelles Vorbereitungstreffen stattgefunden. Auffallend ist, dass dem siebenköpfigen IWB-Verwaltungsrat gleich fünf aktuelle oder ehemalige Basler Politiker angehören: Regierungsrat Christoph Brutschin (SP), Grossrat und Bald-Nationalrat Beat Jans (SP), Ex-Grossrat Bernhard Madörin (SVP), Noch-Nationalrat Rudolf Rechsteiner (SP) und Grossrat Aeneas Wanner (Grünliberale). Komplettiert wird das Gremium durch die Anwältin Regula Hinderling (Kanzlei Wenger Plattner). Der IWB-Verwaltungsrat hat drei Ausschüsse mit je drei Mitgliedern gebildet: Der Ökonom Rechsteiner leitet den Ausschuss Energiestrategie, der Treuhänder Madörin den Ausschuss Finanzen und die Juristin Hinderling den Ausschuss Personal und Recht. vks

   

Wir haben das angeschaut und eine Empfehlung zuhanden der Regierung ausgearbeitet, wie wir damit umgehen wollen. Ich kann mich da aber noch nicht zu Details äussern. Interessenkonflikte sind eigentlich gar keine, wenn der Verwaltungsrat seine gesetzliche Verpflichtungen – Verschwiegenheit und Loyalität – wahrnimmt. Eines ist klar: Wir werden keine Mitglieder vom Informationsfluss ausschliessen.

Auch Sie sitzen im Verwaltungsrat einer Konkurrentin – der Sunrise.

Wenn es je zu einer Vertragsverhandlung mit der Sunrise käme und unser Verwaltungsrat darüber befinden müsste, würde ich in den Ausstand treten. Falls ich dann noch Mitglied des Sunrise-Gremiums wäre.

Wann treten Sie zurück?

Fragen Sie die Wettbewerbskommission. Orange und Sunrise wollen fusionieren, und sobald die Fusion zustande kommt, wovon ich ausgehe, bin ich nicht mehr Verwaltungsrat von Sunrise.

Auch wenn es die Fusion nicht gäbe, würden Sie zurücktreten.

Ja, spätestens Ende Jahr.

Sie hatten oft Mandate in staatlichen oder regulierten Unternehmen. Nahmen Sie deshalb das Engagement in Basel an?

Vielleicht hat man mich deswegen angefragt. Für mich hatte die Aufgabe aber einen grossen intellektuellen Reiz, denn die IWB haben – verglichen mit anderen Energieversorgern – anspruchsvolle Ziele: Strom aus eigener Produktion und erneuerbaren Quellen.

Sie sind auch Präsident der Krankenkasse Sanitas und sitzen im Stiftungsrat einer Schule in Kopenhagen. Auch nicht gerade freies Unternehmertum.

Dafür werde ich nächste Woche das Präsidium bei einer kleinen Technologiebude in Dänemark, der Firma RTX Telecom, annehmen. Das wäre dann das freie Unternehmertum.

Das sind einige Mandate. Haben Sie genug Zeit für die IWB?

Ich hab die drei Präsidien angeschaut und kam zum Schluss, dass sie nebeneinander gehen. Es wird Zeiten geben, in denen ich gut Ski fahren gehen kann und es wird Zeiten geben, in denen ich überhaupt keine Freizeit mehr habe. That’s okay.

Sie leben in Kopenhagen. Geht das von dort aus?

Nein, das ist schwierig. Aber ich habe seit Längerem geplant, mit meiner Familie in diesem Sommer zurück in die Schweiz zu kommen. Bis dahin gibts eine kleine Übergangszeit.

Sie ziehen in den Aargau.

Ja, zurück an unseren alten Wohnort. Wir haben das Haus immer behalten.

Sie hatten inzwischen Einblick in die IWB. Was war Ihr Eindruck?

Ich durfte in Kabelschächten herumkriechen, Kraftwerke anschauen und das Wasser beim Versickern im Wald beobachten. Daneben habe ich viele gut motivierte und stolze Mitarbeiter angetroffen. Ich kenne x Unternehmen, die würden sich alle Finger lecken, wenn sie so was haben dürften. Das ist ein Gut, das wir pflegen müssen. Kulturwandel ja, aber er muss auf dem Stolz aufbauen.

Die IWB wurden zwar in eine öffentlich-rechtliche Anstalt ausgelagert, aber nicht voll privatisiert. Wäre Ihnen eine Privatisierung lieber?

Ich antworte jetzt nicht als Verwaltungsratspräsident, sondern als Privatperson. Privat habe ich sehr viel Sympathie dafür, dass natürliche Monopole von der öffentlichen Hand kontrolliert werden und nicht von einem Privaten.

Aber hätten Sie nicht einen grösseren Spielraum, wenn die IWB privat wären?

Als Unternehmer wäre mir die private Lösung natürlich lieber. Als Staatsbürger kann ich aber mit dem Kanton als Mehrheitseigner gut leben.

Wie beurteilen Sie die energiepolitischen Rahmenbedingungen, die Ihnen der Kanton aufstellt? Sie müssen auf Atom-, Kohle- und Gasstrom verzichten. Ist das schwierig, oder ist es einfach, weil Sie klare Vorgaben haben?

Es ist schwierig. Ich brauchte eine längere Diskussion mit Herrn Brutschin, um herauszufinden, ob das machbar ist. Die Antwort: Es ist plausibel, dass es machbar ist, aber bei Weitem nicht gesichert. Und das finde ich echt gut! Wenn wir es schaffen, haben wir ein Modell, das schwer zu übersehen ist.

Es wird schwierig, die Vorgaben umzusetzen.

Ja klar. Auf dem Papier sagt wohl die Mehrheit des Volkes: Das ist eine vernünftige Sache. Die Tatsache aber, dass es das noch nicht gibt, spricht doch für die eine oder andere Hürde.

Geht es nur um die Frage der Beschaffung?

Nein, auch um den Absatz.

Bei den Privatkunden brauchen Sie sich ja keine Sorgen zu machen. Die haben keine Wahl.

Nein, es geht um etwas anderes. Wenn wir sehen, dass wir nicht genug grüne Energie bekommen, dann müssen wir dafür sorgen, dass unsere Kunden mit weniger Energie auskommen. Das ist spannend.

Eine Beschaffungslinie ist ja weggefallen – wir nehmen an, das Geothermieprojekt ist Ihnen bekannt.

Als Zeitungsleser habe ich das natürlich mitbekommen.

Nun, nach dem Scheitern des Projekts, wird von bürgerlicher Seite der Ruf nach Atomstrom laut. Wie stehen Sie dazu?

Unser Eigner, der Kanton, will das nicht. Und daher müssen wir uns gar nicht erst damit befassen.

Die IWB verhandeln seit Langem mit der Swisscom über ein gemeinsames Glasfasernetz. Was ist da der Stand?

Fakt ist, wir sind in fortgeschrittenen Verhandlungen. Fakt ist, wir haben noch keine Einigung. Der Grund, weshalb es so lange geht, ist zweifacher Art: Einmal, weil wir weit auseinanderlagen. Aber auch, weil ich mich in die Verhandlungen eingeschaltet habe. Ich habe vieles hinterfragt, was schon vorhanden war.

Das war im letzten Sommer.

Im Herbst. Ich wurde von der Regierung gebeten, mir das anzuschauen. Rückblickend bin ich ganz froh, dass ich das getan habe. Das hat dann aber dummerweise eine Verzögerung verursacht …

Wo stehen wir heute?

Fortgeschritten.

Was heisst das?

Das ist schwierig …

Gibt es einen Zeitplan?

Nein, das kann man in einer Verhandlung grundsätzlich nicht. It takes two to Tango.

Im November haben die Herren Thiel und Brutschin das Ziel formuliert, bis Ende 2009 eine Einigung zu erreichen. Weshalb wurde das nicht erreicht?

Da müssen Sie die fragen, die das gesagt haben. Ich würde so etwas grundsätzlich nicht während den Verhandlungen sagen.

Die Swisscom erstellt vollendete Tatsachen. Sie hat bald jeden fünften Haushalt in Basel mit Glas verkabelt. Ihre Verhandlungsposition leidet, je mehr die Swisscom baut.

Ich bin nicht unbedingt dieser Ansicht. Unser Eigner hat Ziele formuliert und die lauten: Nur ein Netz in Basel, Basel muss vollständig versorgt werden, und es soll ein echter Endkundenwettbewerb stattfinden.

Punkt eins und zwei sind wohl einfacher zu erfüllen als Punkt drei, wenn man keinen guten Vertrag aushandelt.

Nein. Ich gehe ja vertrauensvoll davon aus, dass, falls es keine Einigung gäbe, jemand dafür sorgen muss, dass es Wettbewerb gibt. Dafür haben wir in der Schweiz Behörden.

Sie setzen auf ein Einschreiten des Bundes? Die Schweizer Haltung ist ja: Lieber später regulieren als früher.

Über die Geschwindigkeit können wir ja noch reden.

Auch die Swisscom hat lange von einem zu wenig regulierten Monopol auf der letzten Meile im Telefonnetz profitiert.

Ja, davon habe ich auch schon gehört … (Jens Alder war zu der Zeit Chef der Swisscom, Anm. d. Red.). Aber man muss auf nationaler Ebene abwägen: Was ist essenzieller Service public und was nicht? Heute reden alle über Glasfasern. Als Ingenieur meine ich, man könnte durchaus mal darüber reden, ob das der einzige Weg ist.

Werden heute Milliarden in ein Netz gesteckt, das gar nicht gebraucht wird?

Langfristig gibt es keinen Weg ums Glas herum. Aber man kann darüber streiten, ob das in den nächsten fünf bis zehn Jahren auch schon so ist.

Sind wir zu früh?

Das ist nicht das Problem. Auch beim Gotthard-Basistunnel musste man sich irgendwann mal für den Bau entscheiden. Aber ich möchte hier mal noch etwas anderes ansprechen: Ich glaube nicht, dass man mit dem Glasfasernetz Geld verdienen kann. Nicht in einem betriebswirtschaftlich überblickbaren Horizont.

Warum? Weil die Nutzer zu wenig dafür bezahlen werden?

Nein, weil es das nicht braucht. Nennen Sie mir irgendeinen Dienst, der heute gefragt ist und der ein flächendeckendes Glasfasernetz braucht.

Und warum bauen wir es dann?

Ich habe diese Zielsetzung nicht formuliert. Wir handeln jetzt die Konditionen aus, rechnen das Ganze durch und präsentieren der Politik dann die Bedingungen, unter denen sie über das Projekt entscheiden muss.

Sie kennen sich bestens mit Glasfasern aus, hatten Sie doch bereits im Studium an der ETH damit zu tun.

Stimmt. Ich habe 1981 meine Diplomarbeit über eine Glasfaser-Übertragungstechnologie geschrieben.

Was denken Sie heute über Ihre Diplomarbeit?

Furchtbar. Primitiv. Ich hab da irgendeinen «Göppel» gebastelt, der über zehn Meter Signale übertragen konnte. Aber schon damals haben alle das Potenzial der Glasfaser erkannt.

Aber den Ingenieur in Ihnen freut es schon, das heute umsetzen zu können.

Zitieren Sie mich vielleicht nicht wörtlich, aber ich finde das geil.