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© Basler Zeitung; 06.06.2011; Seite bazab14
wirtschaft
Die Geothermie sucht den Durchbruch
Fünf Jahre nach dem Beben in Basel setzt die Stromindustrie wieder auf Erdwärme
Michael Heim
Geothermie funktioniert. Nicht nur heizt Riehen seit 17 Jahren mithilfe der Erdwärme. Es gibt in Europa auch Kraftwerke, die Strom herstellen. Der Atomausstieg gibt Erdwärmebefürwortern neue Hoffnung.
Plötzlich wird wieder über Geothermie gesprochen. Mit dem vom Bundesrat beschlossenen Ausstieg aus dem Atomstrom bekommt die Technologie neuen Sukkurs. Mittelfristig könnte man einen Drittel des heutigen Stromverbrauchs mithilfe von geothermischen Kraftwerken erzeugen, sagt Peter Meier, Chef des Gemeinschaftsunternehmens Geo Energie Suisse, an dem auch die Industriellen Werke Basel (IWB) und die Elektra Baselland (EBL) beteiligt sind. Der Stromkonzern Axpo schätzt das Potenzial der Geothermie in der Schweiz auf jährlich 17 Terawattstunden.
In Basel spricht niemand von der Erdwärme. Seit den hausgemachten Erdbeben im Jahr 2006 mit Erschütterungen von bis zu 3,4 auf der Richterskala ist die Tiefengeothermie ein politisches Tabu. Weder die grünen Parteien noch die ökologisch ausgerichteten IWB trauen sich, Geothermie als Alternative vorzuschlagen.
Derweil lobbyiert die Firma Geo Energie Suisse tüchtig dafür. 99 Prozent der Erde seien heisser als 1000 Grad, erklärt Meier. Diese Wärme gelte es zu nutzen. Geothermie verursacht keine CO2-Emissionen und hinterlässt keinen strahlenden Müll. Wenn da nur die Erdbeben nicht gewesen wären. Meier indes spricht selber nie von Erdbeben – für ihn sind es «Erschütterungen».
Geo Energie Suisse möchte im Auftrag der beteiligten Energieunternehmen vier bis sechs Pilotprojekte entwickeln. Ziel ist es, funktionierende Kraftwerke zu bauen. Sie ist nicht die einzige Gesellschaft, die in der Schweiz nach Erdwärme bohren will. In St. Gallen haben die Stimmbürger Ende 2010 ein entsprechendes Projekt bewilligt, und auch die Axpo investiert in Geothermie. Dabei gibt es schon viele funktionierende Beispiele. Seit Jahrzehnten wird in der Grossregion Paris mithilfe der Erdwärme geheizt. Island bezieht einen grossen Teil seiner Energie aus vulkanischer Hitze, und in der Toskana wird bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts Strom aus Geothermie produziert.
Erfahrung aus Riehen. Doch das beste Beispiel liege direkt vor den Toren Basels, findet Meier: in Riehen. Seit 1994 wird Energie in das dortige Fernwärmenetz eingespiesen, die in Form von 65 Grad heissem Wasser aus dem Untergrund gefördert wird. Das Netz wird gerade erweitert. Nach dem Umbau soll der Erde eine Maximalleistung von 5,8 Gigawatt entzogen werden können, sagt Geschäftsführer Jürg Kunz. Damit stammt die Hälfte der Riehener Fernwärme aus der Erde, der Rest aus Gas und Öl.
Was in der Schweiz noch fehlt, ist ein Geothermiekraftwerk, das Strom herstellt. Hierzu sind höhere Temperaturen notwendig. Und so hat Geo Energie Suisse kurzerhand zum Pressetermin nach München geladen. Dort, im Vorort Unterhaching, steht Meiers Lieblingskraftwerk, das mit 122 Grad heissem Wasser nicht nur Wärme fördert, sondern auch Strom herstellen kann – je nach Bedarf. Würde es ausschliesslich Strom produzieren, hätte das Kraftwerk eine Leistung von 3,4 Megawatt. Es bräuchte 250 solche Anlagen, um ein AKW wie Gösgen zu ersetzen.
VOLLAUTOMATISCH. Der Betrieb von Unterhaching laufe vollautomatisch, sagt Geschäftsführer Wolfgang Geisinger. Nur alle drei Tage komme ein Mitarbeiter zur Kontrolle vorbei. Einmal gebaut, verursacht das Kraftwerk – bis auf die Abschreibungen und den Strom für den Betrieb – keine grossen Kosten mehr. Die Wärme koste letztlich etwa gleich viel wie bei der Befeuerung mit Gas. Beim Strom gehe die Rechnung auf, sagt Geisinger. Auch dank Subventionen und grosszügigen Einspeisevergütungen.
Die tiefen Betriebskosten machen Geothermie wirtschaftlich interessant. Die Axpo schätzt die Gestehungskosten für Geothermiestrom in ihrer «Stromperspektive 2020» auf 20 bis 30 Rappen pro Kilowattstunde. Eine Studie der schweizerischen Akademie der technischen Wissenschaften rechnet langfristig nur noch mit 6,3 Rappen. Der entscheidende Vorteil im Vergleich zu anderen erneuerbaren Energien sei aber, so Meier, dass Geothermie ähnlich wie ein AKW konstante Bandenergie liefere und nicht wetterabhängig sei wie ein Windkraftwerk.
Die Geothermieprojekte in Riehen und Unterhaching unterscheiden sich in einem wichtigen Punkt vom gescheiterten Projekt in Basel: Beide Anlagen setzen auf bereits im Boden vorhandenes Thermalwasser. In Basel hingegen wurde in trockenes Gestein gebohrt. Hier hätte das Wasser künstlich in den heissen Grund gepumpt und anschliessend wieder entnommen werden müssen. Und vor allem: Um das Einpumpen zu ermöglichen, musste das Gestein zuvor über das Einpressen von Wasser aufgebrochen werden. Dieses «Stimulieren», wie die Geologen von Geo Energie Suisse es nennen, führte zu den erwarteten und den ungewollten Erdbeben in Basel.
Der Untergrund in Deutschland sei deutlich besser als in der Schweiz, sagt Meier. Das Wasser sei das eine. Doch auch das Gestein sei geeigneter. So bestehe der deutsche Boden oft aus porösem Material, in das sich Wasser ohne ein künstliches Zerklüften einpressen lasse. Die Schweiz jedoch ist auf Fels gebaut. Der kristalline Untergrund muss erst aufgebrochen werden.
VIELE DATEN FÜR BASEL. Auch sei der deutsche Boden aufgrund der Bergbautradition besser erforscht, sagt Meier. Hierzulande gebe es jedoch nur wenig Daten. Etwa bei der Nagra, die nach einem Endlager für radioaktiven Abfall suche. Oder bei der Firma Seag, die einst in der Schweiz nach Erdöl gebohrt hatte. «Wir versuchen nun, diese Daten nutzen zu können», sagt Meier. Ein Ort ist gut erforscht: Basel. Dank den Bohrungen habe man detaillierte Informationen über den Untergrund erhalten, sagt Meier und führt eine Animation vor, die den Ablauf der 15 000 Mikrobeben zeigt, die durch das Einpressen des Wassers ausgelöst wurden. Und jene der vier grösseren Beben. Diese seien erst aufgetreten, nachdem man mehrere Tage lang Wasser eingepresst hatte. «Die ersten Tage waren eigentlich ein Erfolg», findet Meier.
COMEBACK FRAGLICH. Doch lassen sich diese Erkenntnisse auf andere Standorte übertragen? Vermutlich nicht – oder nicht direkt. Im Norden Deutschlands habe man bei einem ähnlichen Projekt mit gleichen Injektionsraten wie in Basel gearbeitet, sagt Meier. «Dort hatte man überhaupt keine Probleme.» Meier weiss, dass in Basel niemand an einer Wiederaufnahme des Projekts interessiert sei. Doch ganz scheint er noch nicht aufgegeben zu haben. Wenn man – ähnlich wie in den ersten Tagen der Stimulierung – noch einmal Wasser in der Nähe der ersten Bohrung einpressen könnte, wäre der Boden vielleicht schon genug aufgebrochen für eine kommerzielle Nutzung, sagt er. Inzwischen habe man mit der ETH auch ein neues Sicherheitskonzept entwickelt.
Doch das Interesse könnte nicht geringer sein, wie der Basler Wirtschafts- und Energieminister Christoph Brutschin klarmacht. Demnächst werde das Bohrloch definitiv verschlossen, sagt er auf Anfrage der BaZ. Der Technologie wolle er keine generelle Absage machen. «Aber in Basel ist die Geothermie für mich gestorben.» |