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Leitartikel
Basler Zeitung vom 10.6.2011

Zur Debatte über das Basler «Strommärchen»
Zwischen Physik und Marktlogik

Dass die Diskussion über die Zukunft der Stromproduktion emotional und heftig geführt werden dürfte, war klar. Setzen wir weiter auf die Atomkraft, deren Risiken bei uns hoffentlich schon nicht zum Tragen kommen und für deren Abfälle wir schon noch eine Lösung finden? Oder setzen wir auf Sonne und Wind, die heute nur einen Bruchteil unseres Energiebedarfs stillen und die höhere Kosten bei der Produktion von Strom in Aussicht stellen? Fahren wir den «bewährten Strommix» weiter oder bauen wir die Schweiz energetisch um? Spannende Fragen.

Interessant aber ist, dass plötzlich über etwas ganz anderes diskutiert wird. Nämlich darüber, ob es überhaupt so etwas wie Strom verschiedener Qualitäten gebe. Die Diskussion ist systemimmanent, leitet sie sich doch aus einem Grundproblem der Stromproduktion ab: Alle Kraftwerke stellen das gleiche Produkt her, das über die gleichen Leitungen vertrieben wird. Strom ist das homogene Produkt schlechthin. Wie aus dem Lehrbuch.

Dennoch verkaufen uns die Stromversorger Atomstrom, Wasserstrom, Windstrom oder Strom aus Biomasse.

Alles nur Beschiss?

Der Strommarkt kennt zwei Logiken: Auf der einen Seite die physikalische Logik, dass alle Elektronen gleich sind, egal aus welchem Generator sie stammen. Dass Strom einfach dahin fliesst, wo er genutzt wird. Und dass wir in unseren Basler Netzen folglich ein Gemisch aus Wasserstrom (Birsfelden, Augst, Kembs) und Atomstrom (Fessenheim, Gösgen) haben dürften. Aber ziemlich sicher keinen Wasserstrom aus den Alpen, wo die IWB ihre grossen Kraftwerke stehen haben.

Auf der anderen Seite hat der Strommarkt eine buchhalterische Logik, und die lautet: Jeder, der Strom verbraucht, muss ihn auch irgendwo produzieren lassen. Sekundengenau. Denn wird nicht genauso viel Strom in ein Netz eingespeist, wie verbraucht wird, kollabiert das Netz. Wenn die IWB uns also in einem Moment ein Watt Energie verkaufen, muss irgendein Kraftwerk dieses Watt in dem Moment herstellen. Unser Geld fliesst an dieses Kraftwerk. Somit bezahlen wir als Kunden in Basel Wasserstrom, während ein Kunde in Liestal oder Münchenstein mit seinem Gebührenfranken unter anderem Atomstrom bezahlt.

Kluft der Logik. Die physikalische und die ökonomische Logik streben bisweilen weit auseinander – etwa im Zertifikatehandel. Denn gelegentlich kauft der eine Stromhändler dem anderen lediglich das Recht ab, Strom als Wasserstrom zu verkaufen. Physikalisch aber findet kein Austausch statt, jeder behält seinen Strom.

Auf diese Weise können dann zum Beispiel die IWB aus «grauem» Strom, den sie in Deutschland gekauft haben, «grünen» Wasserstrom machen. Jemand anderes muss dafür seine in einem Wasserkraftwerk hergestellte grüne Elektrizität ohne Ökolabel verkaufen. In den vergangenen Jahren haben die IWB bis zu 20 Prozent ihres Absatzes auf diese Weise aufhübschen müssen, um ihr Ökoziel zu erreichen. Elegant ist das nicht.

Folge dieser Thematik sind emotionale Wortäusserungen wie der Gastartikel, den Wirtschaftsprofessor Silvio Borner vor Kurzem in der BaZ publiziert hat. Der Ökonom übersieht bewusst die wirtschaftliche Logik des Strommarktes, er negiert quasi das Verursacherprinzip. Wo der Strom hergestellt werde, sei «irrelevant», schreibt Borner. Letztlich lebe das Netz von der Spannung und daher sei auch Basel vom Atomstrom abhängig – dass das natürlich im Gegenzug auch für die Abhängigkeit vom Wasserstrom gilt, sagt Borner nicht. Er argumentiert wie ein Physiker. Aber nicht wie ein Wirtschaftsprofessor.

Verzerrter Markt. Natürlich hat auch Borner recht. Bezüglich ökologischen Stroms funktioniert der Markt heute nur beschränkt effizient. Ein Grund dafür sind Subventionen für erneuerbare Energie auf der einen Seite und Marktverzerrungen durch nicht abgegoltene Risiken beim Atomstrom auf der anderen Seite. Generell hat die Regulierung des Schweizer Strommarktes viele Markteffekte schlichtweg ausgeschaltet.

Gleichzeitig unterscheidet sich die Nachfrage nach ökologisch produziertem Strom heute von Land zu Land stark. Während hierzulande Wasserstrom plötzlich gefragt ist, herrscht in anderen Ländern Europas noch immer ein deutliches Überangebot. Der Aufpreis für Wasserstrom ist daher so gering, dass es sehr einfach ist, seinen dreckigen Strom über Zertifikate zu vergrünen. Opportunistisches Handeln kostet derzeit wenig.

Der Vorwurf an die IWB lautet daher: Wer einfach Ökozertifikate kauft, um seine Strombilanz zu verschönern, produziert damit kein Watt mehr Wasserstrom. Letztlich bekommt einfach ein anderer den Atomstrom. Kurzfristig stimmt das sicher.

Doch langfristig hat die Nachfrage noch in jedem Markt das Angebot beeinflusst. Wenn Wasserstrom irgendwann knapp werden sollte, wird auch sein Preis ansteigen. Und dann setzt der Handel Anreize für Investitionen in neue Wasserkraftwerke. So funktionieren Märkte. In 30 Jahren laufen die Konzessionen für grosse Wasserkraftwerke in den Alpen aus, an denen auch die IWB beteiligt sind. Spätestens dann wird in Basel über den Wert des Wasserstroms diskutiert werden. Die Alpenkantone werden sich ihre Konzessionen vergolden wollen.

Ist es ein Märchen, wenn die IWB behaupten, sie vertrieben keinen Atomstrom? Nein. Mit dem Geld, das wir für den Strom bezahlen, werden keine AKW betrieben und es wird keine Kohle verfeuert – und das ist gut so. Konsum ist immer mit Verantwortung verbunden. Das gilt auch für Strom.