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Quelle: Basler Zeitung
24.06.2004; Wirtschaft Seite 17

Franz Humer: «Biotechnologie hat viel mit Gespür zu tun»

 

Basler Zeitung; 23.06.2004; Seite 1

Roche schafft 150 neue Jobs in Basel

Die Roche baut in Basel ein neues Werk zur biotechnologischen Her stellung zweier Wirkstoffe. Der Pharmariese investiert 400 Millionen Franken und schafft in den nächsten Jahren 150 neue Arbeitsplätze.

Basel. Lichtblick für den Wirtschaftsstandort Basel: Hoffmann-La Roche plant an der Grenzacherstrasse eine neue Fabrikationsanlage. Dort sollen in ein paar Jahren die Wirkstoffe für die Krebsmedikamente Avastin und Herceptin - so genannte monoklonale Antikörper - hergestellt werden. Dies bestätigte Roche-Sprecher Baschi Dürr gestern Dienstag gegenüber der Basler Zeitung.

Gleichzeitig wird auch der Roche-Standort in Penzberg (Bayern) ausgebaut. An beiden Orten investiert die Roche je 400 Millionen Franken und wird im Verlauf der kommenden Jahre je 150 neue Stellen schaffen. Gesucht werden hoch qualifizierte Leute. Bis die Produktion anläuft. wird es allerdings noch drei bis vier Jahre dauern - entsprechend dürfte auch der Personalausbau schrittweise erfolgen.

Roche setzt schon seit längerem auf die Biotechnologie. Dieses Engagement trägt nun Früchte. Die Roche sei von der Qualität des Standorts Basel überzeugt, sagt Dürr. Deshalb baue sie hier die Produktion aus.

Herzog & de Meuron bauen

Erstellt wird die neue Anlage an der Grenzacherstrasse - vis-ä-vis vom Roche-Hochhaus. Weil die dortigen Produktionsräume nicht mehr gebraucht werden, wird der alte Bau 47 abgerissen und durch ein neues achtstöckiges Gebäude ersetzt. Als Architekten zeichnen einmal mehr Herzog & de Meuron. Das Starteam hatte bereits das in unmittelbarer Nähe liegende Forschungsgebäude entworfen, das im Dezember 2000 eröffnet wurde.

Potente Krebsmedikamente

Die beiden Produkte. die neu in Basel hergestellt werden sollen, dienen der Krebsbehandlung. Herceptin ist seit längerem zugelassen und erzielte letztes Jahr einen Umsatz von 1,2 Milliarden Franken - rund 27 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Wirkstoff wird bei Metastasen bildendem Brustkrebs verabreicht.

Zudem habe die EU-Kommission gestern grünes Licht gegeben für eine weitere Anwendung bei einer besonders agressiven Brustkrebs-Form, teilt Roche in einem Communiqué mit. Die Zulassung betrifft die Anwendung von Herceptin in Kombination mit Taxotere bei Patientinnen mit HER2-positivem metastasierendem Brustkrebs.

Avastin ist hingegen ein neues Produkt und bislang erst in den USA zugelassen. Eingesetzt wird es bei der Behandlung von metastasierendem Dickdarm-Krebs. Die Roche erwartet, dass Avastin bald auch in Europa und in der Schweiz zugelassen wird. Die biotechnologischen Verfahren, mit denen die beiden Wirkstoffe hergestellt werden, sind einiges komplexer als traditionelle chemische Abläufe.

Michael Heim

Die Roche investiert in Basel rund 400 Mio. Fr. in ein neues Biotech-Werk. 150 Stellen sollen geschaffen werden. Die gleichen Investitionen tätigt Roche zudem in Bayern. Damit wird die Biotech-Sparte weiter gefestigt. Die BaZ hat Roche-CEO Franz B. Humer dazu befragt.


Franz Humer ist Präsident und CEO des Pharmakonzern Roche mit Sitz in Basel. (Foto zVg, © by Roche)

BaZ: Herr Humer, Sie investieren in Basel 400 Mio. Fr. in ein neues Biotech-Werk. Was ist daran eigentlich so teuer? Die Architektur von Herzog de Meuron?

Franz Humer: Das sicher nicht, auch wenn gute Architektur ihren Preis hat. Das Teure sind die Installationen in den Gebäuden, nicht der Bau an sich. Die biotechnologischen Apparaturen sind sehr komplex. Wir müssen höchste technische Anforderungen erfüllen und diese nach den Spezifikationen der amerikanischen, europäischen und Schweizer Behörden umsetzen.

Wie unterscheidet sich die biotechnologische Herstellung von traditioneller chemischer Herstellung?

Die biotechnologische Herstellung basiert auf lebenden Organismen. Daher ist die Qualitätskontrolle besonders sensitiv und wichtig. Es ist sehr viel schwieriger, biotechnologische Verfahren auf grössere Mengen zu erweitern und immer noch ein identisches Produkt herzustellen.

Man kann nicht einfach hochrechnen?

Nein, das sind komplexe Prozesse, die unter sterilen Bedingungen ablaufen müssen, um die Biomasse beispielsweise vor dem Befall mit einem Virus oder einem Pilz zu schützen.

Wie ist die Gefahr für die Arbeiter oder für Anwohner in der Nähe der Produktionsstätten? Ist Biotech gefährlicher als die traditionelle Herstellung?

Überhaupt nicht. Gerade bei diesen modernen Anlagen sind die Sicherheitsvorkehrungen ernorm. Es besteht keine Gefahr, weder für die Umwelt noch für die Anwohner.

Sie schaffen in Basel und im bayrischen Penzberg je 150 neue Stellen. Was für Leute suchen Sie?

Hoch qualifizierte Leute, beispielsweise Biologielaboranten mit einem Fachhochschulabschluss oder Erfahrung in der Fabrikation von Biotech-Produkten. Das können auch Spezialisten aus unserer Forschung sein, die in den Produktionsbereich wechseln.

Gibt es Jobs, die für Aussenstehende frei werden?

Ja sicher! Entweder Leute, die direkt in der neuen Produktionsanlage arbeiten, oder solche, die andere ersetzen, die in die neue Anlage wechseln. Es entstehen dadurch je 150 zusätzliche Arbeitsplätze.

Ab wann soll die Produktion in Basel anlaufen?

Alleine bis der Bau steht, geht es sicher noch drei bis vier Jahre. Und dann muss man fast mit noch einem Jahr rechnen, bis die Anlagen voll produktionsfähig und von den einzelnen Behörden zugelassen sind. Wir rechnen damit, dass wir die Märkte ab 2008 oder 2009 beliefern können. Aber die Fachleute brauchen wir natürlich wesentlich früher, da die Anlagen schon vorher anlaufen.

Man hört immer, die Schweiz sei ein teures Produktionsland. Trifft das auf Ihre Branche nicht zu?

Das trifft schon zu, aber für uns ist die Balance zwischen den Kosten und der Qualität entscheidend. Wenn wir durch Nachlässigkeit eines Mitarbeitenden eine bestimmte Produktionsmenge verlieren, kostet uns das rasch Hunderttausende von Franken. Die richtige Ausbildung der Leute, die Genauigkeit der Arbeit und die Fähigkeit, Produktionsabläufe nicht nur zu erfassen, sondern diese auch zu verstehen und damit reagieren zu können, sind sehr wichtig. Das ist einer der grossen Standortvorteile, die Länder wie die Schweiz haben.

Die Produkte wurden entwickelt von der Genentech...

...teilweise von uns, teilweise von der Genentech.

Warum werden sie nicht in den USA bei Genentech hergestellt?

Wir wollen nicht weltweit von einem Produktionsstandort abhängig sein. Wenn einmal eine Produktionsschiene ausfällt, könnten wir nicht mehr liefern. Also zielt Roche darauf ab, die wichtigen Produkte an zwei Standorten zu produzieren. Deshalb sind die Genentech-Anlagen in den USA auch von den europäischen Behörden zugelassen und unsere Anlagen wiederum von den Amerikanern. Heute wird Avastin nur in den USA produziert. Basel wird der zweite Standort für Avastin, und in Penzberg bauen wir die Herceptin-Anlage aus.

Avastin ist in Europa noch nicht zugelassen.

Wir rechnen aber mit einer Zulassung bis Ende des Jahres oder Anfang des nächsten Jahres.

Sie riskieren also nicht, eine Fabrik für ein Produkt zu bauen, das man am Ende gar nicht herstellen kann?

Nein. Avastin ist ja in Amerika bereits zugelassen und die klinischen Resultate sind ausgezeichnet. Avastin war das Ereignis am letzten grossen Onkologie-Kongress in Amerika und wurde von allen Experten als ein enormer Fortschritt bezeichnet. Also kann man davon ausgehen, dass das Produkt auch in Europa zugelassen wird.

Wie gross ist das Marktpotenzial der beiden Produkte?

Herceptin hat sich letztes Jahr für über eine Milliarde Franken verkauft. Und Avastin hat einen sehr guten Verkaufsstart in den USA verzeichnet, so dass wir bei diesem Produkt mit einem grösseren Potenzial als bei Herceptin rechnen.

Mehr als eine Milliarde Franken?

Ja, dies ist gut möglich. Da Avastin aber in Europa noch nicht zugelassen ist, möchte ich noch keine Prognosen abgeben.

Haben Sie in Sachen Biotech auch andere Kooperationen? Es gibt ja viele kleine Biotech-Firmen.

Sicherlich. Genentech ist ja nicht unser einziger Partner. Da wir über grosse Produktionskapazitäten verfügen, sind wir ein attraktiver Partner für diese Unternehmen. Die Produktion stellt in der Biotechnologie eine grosse Herausforderung dar. Es dauert sehr lange, bis die eigentliche Produktion auf einer neuen Anlage vollumfänglich angelaufen ist: Wir müssen heute investieren, damit wir 2009 verkaufen können.

Gibt es auch Firmen, die sich auf einzelne biotechnologische Herstellungsschritte konzentrieren?

Nein, eher nicht. Die Produktionsanlagen sind nicht so einfach umzustellen. Wenn Sie von Herceptin auf einen andern ähnlichen Wirkstoff umstellen wollen, brauchen Sie wahrscheinlich eineinhalb Jahre, um die Anlage umzurüsten. Alleine das Stilllegen und Säubern braucht viel Zeit und verursacht hohe Kosten.

Das Problem ist, dass man mit lebenden Organismen arbeitet?

Ja. Zudem will ein Unternehmen auch das Know-how seiner Mitarbeitenden nicht verlieren. Die Biotechnologie ist zwar eine Wissenschaft, hat aber auch viel mit Gespür und Erfahrung zu tun.

Ich sehe die Faszination in Ihren Augen glänzen.

Wissen Sie, wir haben jetzt schon zehn Jahre Erfahrung in diesen Produktionsmethoden und die Leute sagen: Wieso macht man das so und nicht anders? Es ist uns schon passiert, dass jemand versucht hat, in einem Prozess etwas zu verbessern und eine Röhre vier Millimeter dicker gemacht hat. Und plötzlich funktionierte das nicht mehr und er wusste nicht weshalb.

Braucht es da Tüftler?

Ja, es braucht Tüftler. Leute, die wirklich im Produktionsprozess leben.

Sind das andere Menschen als traditionelle Chemiker?

Nein. Auch das sind Fachleute auf ihrem Gebiet. Es braucht hier einfach Leute, die Freude haben an dieser hoch spezialisierten Arbeit.

Sie bauen hier mitten in der Stadt aus. Kommen Sie nicht langsam an Platzgrenzen?

Eine solche Anlage ist immer auch eine Frage des Platzes. Aber das neue Biotech-Zentrum kommt an die Stelle eines alten Gebäudes, das wir für die chemische Produktion nicht mehr benötigen.

Birgt das nicht auch Risiken, wenn man so viele verschiedene Produktionsweisen in nächster Nähe zueinander hat?

Nein. Es ist viel wichtiger, dass die Produktion nahe bei der Forschung stattfindet, dass es beinahe einen fliessenden Übergang zwischen Forschung, technischer Entwicklung und Produktion gibt.

Interview Michael Heim