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Quelle: Basler Zeitung
16.07.2005 ; heute Seite 3
«0,5 Promille sind noch immer zu
viel»
Ein Experiment des Brauerei-Verbandes zeigt: 0,5 Promille
sind deutlich mehr als nur eine Stange Bier
Michael Heim ,
Zürich
Was machen 50 Bierbrauer und Journalisten bei 30 Grad im Schatten? Bier trinken,
natürlich. Unter professoraler Überwachung nahm die baz an einem
Alkoholexperiment teil.
Es gibt unangenehme Pressetermine und angenehme. Dieser klang nach einem angenehmen.
Ich bin unterwegs zum Brauerei-Verband, der in Zürich zu einem wissenschaftlich
begleiteten Umtrunk geladen hat. Fünfzig Personen sollen gemeinsam Bier
trinken und nachweisen, dass man eben doch mehr trinken darf, als das Bundesamt
für Gesundheit in seiner Ein-Glas-geht-Kampagne behauptet. Seit Anfang
Jahr gilt auf Schweizer Strassen ein Maximalwert von 0,5 Promille.
Es ist kurz vor 14 Uhr. Seit mindestens 24 Stunden bin ich nüchtern,
und seit 6 Stunden durfte ich nichts mehr essen. Das waren die Voraussetzungen
für die Teilnahme. Das Frühstück ist längst verdaut, das
Wetter ist heiss. Das Bier dürfte also gut einfahren - wenn es denn «echtes» Bier
ist. Denn nur die Hälfte der Teilnehmer bekommt normales Lagerbier. Die
anderen trinken Leichtbier mit 2,4 Prozent Alkohol. 1,5 Liter, streng nach
Fahrplan.
Professor Manfred Walzl von der Landesnervenklinik Graz erklärt noch
einmal den Zweck der Übung: Es gehe darum, die eigenen Grenzen kennen
zu lernen und die Unterschiede zwischen Normal- und Leichtbier zu zeigen. In Österreich
wurde der Test bereits mehrere Male durchgeführt. Im Schnitt hatten die
Teilnehmer dort nach 1,5 Litern Lagerbier (5,5% Alkohol) 0,68 Promille Alkohol
im Blut.
Nachdem von allen Teilnehmern Bodymass- und Körperfettindex ermittelt
worden sind (bei mir: 22,2 bzw. 11,7), werden die Flaschen verteilt. Etiketten
haben sie keine. Etwa eine Viertelstunde haben wir jeweils Zeit, um die fünf
Deziliter zu trinken. Danach gibt es zwanzig Minuten Pause, bevor wir ins Röhrchen
blasen müssen.
Ich bin beruhigt. Nach dem ersten Bier zeigt das Messgerät 0,15 Promille
an. Es beruhigt mich, zu wissen, dass ich zur Leichtbier-Gruppe gehöre.
Am Morgen stellte ich mir vor, wie ich betrunken in die Redaktion torkeln würde.
Ob ich dann noch schreiben könnte?
Etwas später die zweite Zwischenwertung. Nach einem Liter Schwachstrombier
bin ich bei 0,19 Promille angekommen. Wie exakt ist überhaupt die Messung
mit einem Blasgerät? Franz Dussy, Chemiker vom Institut für Rechtsmedizin
der Uni Basel, hat mich aufgeklärt: Die Geräte müssen geeicht
sein, und zwischen dem letzten Schluck und dem Blasen sollten mindestens 20
Minuten vergehen. Wird früher gemessen, sind die Werte aufgrund des Restalkohols
im Mund zu hoch. Diese Voraussetzungen scheinen erfüllt.
Auf zum Dritten. «Meines ist sicher Leichtbier», meint eine Frau. «Das
Bier, das ich sonst trinke, schmeckt anders.» Konrad Studerus, Direktor
des Brauerei-Verbandes, meint: «Man braucht nur die Leute anzuschauen
und weiss sofort, wer welche Sorte trinkt.»
Am Ende lautet meine Bilanz: 0,29 Promille nach 1,5 Litern Bier. Interessant
sind die Extremwerte: Ein stämmiger Mitarbeiter von Cardinal hat lediglich
0,1 Promille Alkohol (Leichtbier), eine schlanke Feldschlösschen-Angestellte
dagegen 1,19 Promille (Lager).
Wir rätseln über den Einfluss des Trinkverhaltens. Vertragen regelmässige
Biertrinker mehr? Professor Oswald Oelz vom Zürcher Triemli-Spital, der
auch am Test teilnimmt, verneint. Zwar baue sich der Alkohol bei regelmässigen
Trinkern schneller ab (sofern die Leber nicht geschädigt ist!). Aufgenommen
werde er aber gleich schnell, sagt Oelz.
Schön beschwipst. Nach der letzten Messung staunen die meisten über
ihre tiefen Promillewerte. Und sie kommen ins Grübeln. «Eigentlich
müsste man die Alkohollimite weiter senken», meint ein Journalist.
Denn dafür, dass er nach 1,5 Litern Lagerbier «nur» 0,81 Promille
habe, fühle er sich ganz schön beschwipst. «Wenn ich daran
denke, dass ich so bis vor kurzem noch hätte Auto fahren dürfen,
bin ich froh, dass die Limite gesenkt wurde.» Und die Frau neben mir,
Mitglied im «Verein zur Förderung der Biervielfalt», meint
gar: «0,5 Promille sind immer noch zu viel.»
Ob es am Alkohol liegt? Plötzlich fordern zahlreiche Bierliebhaber eine
weitere Senkung der Promillegrenze.
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