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Quelle: Basler Zeitung
27.06.2005 ; Seite 10; region montagsreportage

Eine U-Bahn, nur für Geld und Briefe
Besuch im mehr als einen Kilometer langen Privattunnel der UBS

Michael Heim

Wozu braucht eine Bank Tunnels unter der Stadt? Um Geld zu verschieben. Und Akten. Während Jahrzehnten waren die zwei wichtigsten Standorte der UBS über eine Mini-U-Bahn miteinander verbunden. Letztes Jahr wurde sie eingestellt.


Karte: map24.ch

Es hat etwas Unheimliches hier unten. Wir befinden uns in einem knapp mannshohen runden Tunnel, an der Decke leuchtet grelles Neonlicht. Dreckig ist es nicht, stickig auch nicht - die Lüftung bläst frische Luft in den Stollen. Etwas kühl ist es.

Heute ist es ruhig im ehemaligen Transporttunnel der UBS. Noch vor einem Jahr rauschten mit hohem Tempo Ordner auf der Aktenbahn vorbei. Noch etwas früher wurde hier auch Geld transportiert. Im grossen Stil.

Der Tunnel - geheim war er nie, aber unbekannt - wurde 1972 gebaut. Unterirdisch. Ohne dass jemand davon Notiz genommen hätte. Über mehr als einen Kilometer Länge verbindet er in zwei Abschnitten das UBS-Gebäude am Bankenplatz mit der Zentrale an der Gartenstrasse. Von dort aus führt er weiter zum Bahnhof SBB, wo die Bank früher ein kleines Büro unterhielt, dessen einziger Zweck das Umladen von Post- und Geldsäcken war.

Seit dem Sommer 2004 steht die Aktenbahn still. Es ist ruhig geworden im Tunnel. Nur der künstliche Wind bläst noch durch die enge Betonröhre. Zusammen mit Rolf Lerch, Prokurist im Logistik-Team, sind wir in das Tunnelsystem heruntergestiegen. Erstmals lässt die UBS einen Fremdling hinein.

Im Keller am Bankenplatz ist einer der «Bahnhöfe» der Aktenbahn. Diese besteht aus einem Förderband und metallenen Führungsschienen, in denen die Kistchen - etwas grösser als ein Bundesordner - unterwegs waren. Oft trugen sie Akten, vielfach Geld. Einst wurden über die Aktenbahn Millionen verschoben. Millionen brauchen wenig Platz. Ein Bündel Tausendernoten ist 500 000 Franken wert.

Gleich nach dem Bahnhöfli führte die Bahn in den Tunnel, zehn Meter unter der Strasse. Hier stehen wir nun. «Ziehen Sie den Kopf ein», warnt Lerch. Bei einer Höhe von 1,80 Metern sind Beulen am Kopf grosser Menschen beinahe Pflicht. «Hier begann die Schnellstrecke», sagt Lerch und zeigt auf die beiden Spuren der Bahn. «Man musste schaurig auf die Ellbögen aufpassen, wenn die Kisten mit 17 km/h vorbeisausten.»

Heute wird der Tunnel nur noch als Kabelschacht genutzt. Auch die Rohrpost, deren Rohre noch immer vorhanden sind, ist stillgelegt.

Der Bankverein lebt. Vergilbte Schilder an der Wand zeigen, wo wir uns befinden. Soeben haben wir die Nationalbank passiert. Oder hätten wir. Denn die Schilder wurden lange nicht mehr aktualisiert (die Nationalbank gibt es hier seit Ende 1999 nicht mehr). Die Zeit ist hier unten stehen geblieben. Bankverein-Embleme zeugen von vergangenen Tagen. Entfernen müsse man die nicht, findet Pressesprecher Rudolf Bürgin. «Hier unten dürfen wir das noch.»

Nicht jeder fühlt sich im engen Tunnel wohl. Kühl ist es, und etwas bedrückend. «Manche Mitarbeiter hatten Mühe», erzählt Lerch. «Die sausenden Kisten auf der einen Seite, die rumpelnde Rohrpost auf der andern. Wenn dann das Licht ausgeht, wird es einem ganz schön mulmig.» Alles lief vollautomatisch. Überwacht wurden die Transporte mit Codelesern und Abtastern. Bewegungsmelder alarmierten, wenn sich der Verkehr staute.

Kein Alarm. Der Tunnel selber stand nicht unter Alarm. «Sie hätten da mit einem Bagger reinfahren können. Da passierte nicht viel», sagt Lerch. Sicher sei er dennoch, denn an den Ausgängen wachen Bewegungsmelder und Kameras.

Der einzige Zwischenfall ereignete sich vor ein paar Jahren. Bei Bauarbeiten am Fundament eines Gebäudes am Picassoplatz bohrten sich die Handwerker versehentlich in den Tunnel. «Wir merkten es, als plötzlich Aktenbehälter mit Staub und Schutt gefüllt waren», erzählt Lerch. Als er in den Tunnel stieg, staunte er nicht schlecht: «Der Borer kam rechts rein und links wieder raus - nur knapp über der Rohrpost.» Noch heute sieht man die zugemauerten Löcher. Sie sind massiv. Hätte die Bank nicht interveniert, wäre der Tunnel noch am Nachmittag mit Beton geflutet worden.

Und Bankräuber? Nein, einen Einbruch habe man nie gehabt, versichert Lerch. Einmal verschwand eine Geldkiste auf der Reise und tauchte nicht mehr auf. Es stellte sich aber heraus, dass ein Mitarbeiter sie abgefangen hatte. Man fand sie in seinem Schrank.

Zügigen Schrittes marschieren wir in gebückter Haltung durch den Tunnel, passieren die «Basilinova AG» und die «St.-Alban-Anlage». Ein Schild weist auf die Trams hin, die über uns verkehren: «Tramlinien 3, 12, 14, 22». Ein Gruss aus der Vergangenheit.

Dann wird es hell, der Raum grösser. Wir befinden uns in einer Zwischenstation, von der aus einzelne Sendungen ins Gebäude am Aeschenplatz abgeleitet wurden. Die Anlage ist eine Freude für jeden Modelleisenbahner: Vier Spuren der Aktenbahn laufen parallel, eine Abzweigung führt nach oben. Dort verschwindet die Bahn durch eine kleine Öffnung in der Wand. «Wenn die Aktenkisten überladen waren, blieben sie hier öfters hängen», erzählt Lerch. «Zum Beispiel wenn Mitarbeiter Schallplatten von einem Büro ins andere schickten.»

Bänder, Kisten, Motoren. Vom Aeschenplatz aus führt der Tunnel weiter zur Gartenstrasse, wo sich früher der Banknotenhandel befand. Dort endet er. In einer Ecke stehen noch ein paar rote Kistchen für Geldtransporte. Überhaupt liegen viele Ersatzteile herum. Bänder, Kisten, Motoren. Vermutlich könnte man die Aktenbahn jederzeit wieder in Betrieb nehmen.

Die Gartenstrasse war der Hauptbahnhof, nicht aber die Endstation. Im Gegenteil. Denn von hier aus führt ein noch grösserer Tunnel zum Bahnhof SBB. Hier hätten die Bankräuber zugreifen müssen. Denn über diesen Tunnel wurden die grossen Geldlieferungen zum Bahnhof geschickt, wo sie von der Post übernommen wurden. Dazu reichte die kleine Aktenbahn nicht aus. Im Tunnel 2 verkehrte deshalb eine Standseilbahn, die mit grossen Kisten beladen werden konnte.

Zurück an den Staat. Davon sieht man heute nichts mehr, denn die UBS hat den Tunnel bereits ausgeräumt. Demnächst wird sie ihn dem Kanton zurückgeben. Denn dafür, dass der Stollen nicht mehr gebraucht wird, ist er zu teuer. Unterhalt braucht er zwar keinen und Strom auch nicht viel. Für die Tunnels, die grösstenteils unter öffentlichem Grund verlaufen, bezahlt die Bank aber jedes Jahr 90 000 Franken Allmendgebühren. Zu viel. «Der Kanton kann den Tunnel an eine Telekom-Firma vermieten, als Kabelschacht», schlägt Lerch vor. Zugeschüttet werde er nicht.

Das Ende der UBS-Bahn zeichnete sich in den späten neunziger Jahren ab. Als 1998 der Notenhandel in Basel geschlossen wurde, schrumpften die zu transportierenden Geldmengen. Seither verschieben externe Transportfirmen die Geldsäcke. Mit der zunehmenden elektronischen Vernetzung wurden auch immer weniger Aktien physisch verschickt. Im Juni 2004 stellte die UBS den Betrieb der Aktenbahn ein. Ihr letzter Kunde war die Numismatik-Abteilung.