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Quelle: Basler Zeitung
28.12.2005; Kulturmagazin Seite 5

Kinobaustelle Basel
Das neue Multiplex-Kino weckt Ängste und Hoffnungen unter den Kinobetreibern

Michael Heim
Das schlechte Kinojahr 2005 wird begleitet von grossen Veränderungen in der Basler Kinolandschaft. Es wird investiert.


Kinobaustelle Eldorado. Aus dem einstigen Kino wird im Verlauf des Jahres 2006 ein Bürogebäude. Bild aufgenommen am 19.12.2005. Foto: Michel Heim

Grossbaustellen prägen das Bild in der Steinenvorstadt. Vom Kino Hollywood ist nur noch das Dach über dem Eingang übrig. Auf einem Berg aus Beton und Eisen thront ein Bagger, weit wirkt die Kreuzung an der Stänzlergasse. Dafür wachsen neben dem Küchlin, wo früher die Komödie stand, neue Wände empor. Schon sind die Konturen der zukünftigen Kinosäle des «Pathé Küchlin» erkennbar. Es wird gebaut. Endlich, könnte man sagen.

Dabei fragt sich der eine oder andere Kinobetreiber vielleicht: Veträgt Basel diese neuen Kinosäle? Die Frage stellt sich nicht, weil Konkurrenten sie noch bei jedem Projekt aufgeworfen haben, sondern weil sie sich angesichts des aktuellen Kinojahres aufdrängt: Etwa fünfzehn Prozent weniger Zuschauer haben im Jahr 2005 in der Schweiz den Weg in die Kinos gefunden. Die Basler Kinobetreiber vermuten ähnliche Verluste.

Die Szene ist schon seit Längerem vom Aufbruch geprägt. Seit gut zehn Jahren jagt ein Neubauprojekt das andere. Multiplexe in Pratteln (eines gescheitert, eines blockiert), ein Grosskino an der Heuwaage (vom Volk verhindert), eines in der alten Markthalle (nie wirklich ausgearbeitet). Die Zürcher Kitag plante gar an zwei Orten ein Kino mit mehreren Sälen: zuerst an der Freien Strasse und dann als Ausbau des Kinos Rex. Beide Pläne sind schubladisiert.


Baustelle Hollywood. Foto vom 6.12.2005.
Foto: M. Heim

Bauprojekt. Doch jetzt wird gebaut, und wenn alles nach Plan verläuft, wird das «Pathé Küchlin» bereits im nächsten Herbst die Tore öffnen. 2300 Plätze bietet es in acht Sälen. Das Multiplex, bestehend aus dem Küchlin und einem Anbau auf der Fläche der früheren Komödie, wäre beinahe noch grösser geworden. Denn ursprünglich habe man geplant, es auch noch mit dem Eldorado zu verbinden, erzählt Enrico Ceppi, Inhaber der Firma Kinvar, die das Kino baut. Doch aus der Kombination wird nichts. Denn zwischen Eldorado und dem Küchlin-Komplex steht ein Haus. Dessen Inhaber hätten das Gebäude «mit viel Liebe» renoviert und deshalb kein Interesse am Verkauf, sagt Ceppi. Man weiss nicht recht: Ärgern ihn die Verhinderer, oder freut er sich insgeheim, dass es in der Steinen noch derart verwurzelte Bewohner gibt?

Bauchweh. Jedenfalls werden die acht Säle des Küchlin und die zwei des Eldorado vorerst getrennt bleiben. Die Steinenvorstadt dominieren Walch und Ceppi mit ihren Kinos auch so. Und das macht den Konkurrenten Bauchweh. Für Philipp Fink vom kleinen Kino Royal ist klar: «Das wird deftig für uns. Niemand sagt es, jeder denkt es.» Mehr Kinos, mehr Säle, mehr Sitzplätze. Die Rechnung scheint einfach. Die Konkurrenz wird schärfer, das bestätigt auch Peter Walch, Betreiber des neuen Küchlin. Studiofilme im engeren Sinne werde er wohl nicht zeigen. «Aber wo ist die Grenze?» Sicher werde das Angebot breiter werden. Auch Doppelbelegungen - bisher eine Seltenheit - nähmen zu, ist sich Walch sicher. «Basel wird sich an die Strukturen anderer Städte anpassen. Dort laufen wichtige Filme gleichzeitig bei Konkurrenten.»

Bammel. Suzanne Schweizer von den Studiokinos der Kult.Kino AG will den neuen Umständen auch Positives abringen. «Wir sind gespannt auf das neue Kino. Im besten Fall macht es Basel wieder zur Kinostadt», sagt sie. Denn das sei Basel heute nicht. «Basel ist eine grauenhafte ...», beginnt sie den Satz und bremst. «... ein sehr, sehr schwieriges Kino-Pflaster.» Wenn das Multiplex wieder mehr Leute aufs Kino aufmerksam mache, könnten am Ende alle davon profitieren, spekuliert sie. «Wenn ich aber auf das schlechte 2005 zurückblicke, kann ich nicht sagen, dass ich mich auf das Multiplex freue. Ein wenig Bammel habe ich schon.» Dabei hat sie selber erfolgreich ausgebaut. Vor zwei Jahren hat die Kult.Kino AG ihr Kino Atelier beim Theater in ein Mini-Multiplex umgebaut. Seither hat es drei Säle mit rund 440 Sitzplätzen. Es scheint sich gelohnt zu haben. Zwar hätten die anderen Kinos der Gruppe etwas unter der eigenen Konkurrenz gelitten, sagt Schweizer. Doch unter dem Strich konnte die Gruppe Zuschauer gewinnen.

Badisch. Auch jenseits der Grenze blickt jemand auf ein «relativ gutes» erstes Jahr mit einem neuen Kino zurück. In Weil am Rhein steht der Kinopalast mit fünf Sälen. 125 000 Zuschauer habe man im vergangenen Jahr empfangen können, sagt Geschäftsführer Bernd Gschöpf. Das reiche zwar noch nicht und sei «ein paar Prozent» unter den Zielen. Schweizer seien noch wenige dabei, doch werde sich das noch ändern, sagt er und zählt gleich die Vorzüge auf: deutsche Synchronisation, günstigere Preise und keine Unterbrechung der Filme. Gschöpf schätzt, dass 80 Prozent seines Umsatzes neu entstanden sind - also nicht zu Lasten anderer Kinos. Auf diesen Effekt hoffen auch die Basler Kinobetreiber.

Einen dürfte das nur noch bedingt interessieren. Enrico Ceppi, den Küchlin-Besitzer. «Am neuen Kino bin ich nur noch als Finanzinvestor beteiligt», sagt er. Das operative Geschäft überlasse er Peter Walch und Pathé-Manager Grégoire Schnegg. «Irgendwann kommt man in ein Alter, in dem man nicht mehr alles selber machen muss.