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Quelle: Basler Zeitung
Wirtschaft, 2003-05-26; Seite 11
Ein Problem wird gelöst. Ein
anderes bleibt
Bis 2015 soll es auf den Weltmeeren nur noch doppelwandige
Öltanker geben, sagt die Regulationsbehörde IMO. Die Europäische
Union verbietet die alten einwandigen Tanker sogar schon früher.
Dieser Einsatz für mehr Sicherheit stösst nicht überall auf Gegenliebe.
Basel/Rotterdam. Von «tickenden Zeitbomben» sprach der CDU-Politiker
Wolfang Börnsen im Dezember vor dem Deutschen Bundestag. Von «schwimmenden
Zeitbomben» spricht auch Greenpeace. Man scheint sich der Gefahr
der veralteten einwandigen Öltanker quer durch alle Lager einig
zu sein. «Exxon Valdez», «Erika», «Prestige». Die Liste der havarierten
Supertanker ist lang und bekannt. Von einer traurigen Berühmtheit
sind auch die Bilder ölverschmierter Seevögel und der in Ölmäntel
gekleideten Aktivisten, die die zähflüssige Masse von den Stränden
schaufeln.
Von Michael Heim
Ob diese Ölkatastrophen zu verhindern gewesen wären, wenn die Tanker
statt einer einfachen eine doppelte Wand gehabt hätten, ist schwer
zu sagen. «Prestige», im vergangenen Dezember vor der spanischen
Küste gesunken, war alt und sehr schlecht gewartet. Fest steht aber,
dass das Risiko eines Lecks bei doppelwandigen Tankern geringer
ist als bei herkömmlichen. Andreas Schneider von Greenpeace schätzt
«aus dem Bauch heraus», dass die Schäden aus Tanker-Havarien rund
60% tiefer wären, wenn alle Schiffe mit doppelten Hüllen ausgestattet
wären. Deshalb haben die in der International Maritime Organization
(IMO) vereinten 161 Staaten einem schrittweisen Verbot der einwandigen
Tanker zugestimmt. Bis 2015 sollen sie von den Weltmeeren verschwinden.

Blick von der Brücke aus auf den Erdöltanker (VLCC) New
Vision. Die New Vision (Baujahr 1994) besitzt bereits eine Doppelhülle.
(Foto: hec)
Ein abgestufter Plan schreibt vor, wann die Schiffe entweder umgebaut
oder aus dem Verkehr genommen werden müssen. Dabei spielen sowohl
die Grösse der Schiffe als auch deren Alter eine Rolle. Die ersten
Tanker sollen noch dieses Jahr ausgemustert werden, den modernsten
wird eine Gnadenfrist bis 2015 gewährt. Gar nicht betroffen von
der IMO-Regulierung sind Hochseeschiffe mit weniger als 5000 Tonnen
Fracht. Zum Vergleich: Die Öltanker,
die auf dem Rhein verkehren, fassen 2000 Tonnen, die grössten Seefrachter
(«Ultra Large Crude Carriers») bis zu 500 000 Tonnen.
EU will strengere Regeln
Der EU gehen die Beschlüsse der IMO, einer Partnerorganisation
der UNO, nicht weit genug. Im Dezember letzten Jahres hat sie deshalb
bei der IMO eine Verschärfung der Regeln gefordert, welche die Betriebsdauer
für die Tanker um zwei bis fünf Jahre verkürzen würde - also spätestens
bis 2010. Zusätzlich - und dies vor allem stösst bei der Erdöl-Lobby
auf Widerstand - will die EU auch die Tanker unter 5000 Tonnen bis
2008 aus dem Verkehr ziehen. Den Transport des besonders gefährlichen
Schweröls will sie für Tanker über 600 Tonnen schon heute verbieten.
Bei der IMO scheint die EU mit ihren Forderungen wenig Erfolg zu
haben. Für ihre eigenen Länder - und damit für alle Schiffe, die
diese Länder anlaufen wollen - führt sie die Gesetze aber ein. Fortschrittlich
waren für einmal die USA: Schon 1990 - in Reaktion auf den Unfall
der «Exxon Valdez» - haben sie vorgeschrieben, dass alle neuen Tanker
Doppelhüllen besitzen müssen. Auch Amerika setzte eine «Gnadenfrist»
bis 2015. Schiffen, die gegen diese «Oil Pollution Act» verstossen,
verwehren die USA den Zugang zu ihren Häfen. Es sind aber nicht
nur die Fristen, durch welche sich der Plan der IMO von den EU-Regeln
unterscheidet: Die EU sieht auch wesentlich schärfere Kontrollen
der Schiffe vor. So sollen die Häfen bei jedem vierten Schiff eine
Kontrolle durchführen. Damit soll gewährleistet sein, dass alle
Schiffe von Zeit zu Zeit kontrolliert werden. «Die Vorschläge der
EU umfassen etwa das, was wir seit zehn Jahren fordern», sagt Greenpeace-Mann
Schneider. Allerdings gibt es noch keine definitiven Regulierungen.
Kritik der Erdöl-Lobby
Mit scharfen Worten reagierte das «Oil Companies International
Marine Forum» (Ocimf), ein Interessenverband der Ölindustrie, auf
die Regulierungen der EU. Diese wirkten «ungeheuer störend» und
könnten einen Liefer-Unterbruch verursachen, schreibt Ocimf in einer
Studie. Eine Untersuchung zeige, dass von den weltweit 4300 Öltankern,
die weniger als 5000 t fassen, nur gerade 181 mit einer doppelten
Hülle ausgestattet seien. Die Ocimf prognostiziert daher den Unterbruch
der Versorgung namentlich der Britischen Inseln, der Kanaren und
der Mittelmeerinseln, wenn die Regeln der EU in Kraft träten. Der
Ersatz der Schiffe könne in dieser Zeit nicht vollzogen werden,
da zu wenig Schiffe vorhanden seien, welche die bisherigen Frachter
ersetzen könnten.

Dr. Ronald Ganz, Präsident. der Erdölvereinigung, an Bord des VLCC
New Vision. (Foto hec)
Schneider widerspricht dem klar: «Das ist reine Angstmache», sagt
er. Es stimme zwar, dass nicht alle Schiffe aufs Mal ersetzt werden
könnten. «Einen Engpass wird es aber nicht geben», sagt er. Das
hätten ihm mehrere Reeder bestätigt.
Nicht nur Vorteile
Dass doppelwandige Tanker sicherer sind als einwandige, scheint
auf den ersten Blick einleuchtend und wird auch von den wenigsten
in Frage gestellt. Kritisiert wird aber das blinde Vertrauen in
die neue Technologie. So weist Cornelius de Keijzer, technischer
Berater am Rotterdamer Hafen, darauf hin, dass doppelwandige Tanker
einen wesentlich aufwändigeren Unterhalt brauchen. Bei herkömmlichen
Tankern seien Korrosionsschäden schnell sichtbar, da die Hülle von
innen und aussen frei zugänglich sei. Bei doppelwandigen Tankern
aber müsse jemand in den zwei Meter breiten Raum zwischen den Hüllen
klettern, um das Schiff zu inspizieren. Die Wichtigkeit der Inspektionen
werde gar zunehmen, sagt Hans Van Rooij, Direktor bei Smit International,
einer Firma, die sich auf die Bergung havarierter Schiffe spezialisiert
hat. Wegen der Doppelhülle, und des Zwischenraums, sei die Gefahr
von Korrosionsschäden höher. «In 15 Jahren werden die Doppelwänder
ein grösseres Problem sein als die Einfachen heute», so seine Prognose.
Vor allem Reedereien, die ihre Schiffe schlecht warteten, dürften
dereinst Probleme bekommen.
Dabei sieht es so aus, dass das Problem der veralteten Tanker vorerst
in die Dritte Welt «exportiert» werden dürfte. Schon heute ist es
so, dass alte Schiffe, die wegen des Oil Pollution Acts die USA
nicht mehr anlaufen dürfen, einfach in anderen Ländern tätig sind.
Verbietet nun auch die EU den alten Schiffen den Zugang, setzt sich
diese Konzentration auf Länder mit weniger scharfen Kontrollen fort.
«Es ist zu befürchten, dass diese alten Tanker in Asien und Südamerika
rumschippern werden, wo weniger Mittel vorhanden sind», warnt Schneider.
Dies wäre nicht so, wenn man sich weltweit auf einheitlich strenge
Standards einigen könnte. Der Plan der IMO gilt zwar für alle, geht
aber nicht weit genug. «Er ist weit weg von dem, was wir fordern»,
sagt Schneider. Auch Hafenberater Cornelius de Keijzer spricht klare
Worte. «Die IMO wird auf beiden Seiten überholt, denn die IMO ist
so langsam wie ihr langsamstes Mitglied.» Am Rotterdamer Hafen setzt
man daher in erster Linie auf die EU-Beschlüsse.
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«Über kurz oder lang Verbot auf
dem Rhein»
Basel. hec. Öltanker gibt es auch
auf dem Rhein. 31,2 Prozent der in der Schweiz verkauften
Mineralölprodukte kommen via Rotterdam und die Basler Häfen
in die Schweiz. Gute 43,8 Prozent werden über Pipelines, 8,3
Prozent über die Strasse und 16,7 Prozent mit der Bahn importiert.
Auch auf dem Rhein wird der Umstieg von Einhüllen- auf Doppelhüllentanker
diskutiert. Die neuen Schiffe sind bereits mit einer doppelten
Hülle ausgestattet. Für die Reeder bedeutet das einen um 50
Prozent höheren Kaufpreis (etwa 7,5 Mio. statt 5 Mio. Fr.).
Es verkehren aber noch viele alte Schiffe
auf dem Rhein, wie Rudolf Feierabend sagt. Er ist einer der
vier Schweizer Kommissare bei der Zentralkommission für die
Rheinschifffahrt (ZKR). Die Aufgabe der ZKR: den freien Verkehr
auf dem Rhein zu überwachen. Dieses Recht ist in einem Staatsvertrag
von 1868 verbrieft. Gesetze, welche die ZKR erlässt, müssen
von den fünf Mitgliederländern (Niederlande, Belgien, Deutschland,
Frankreich, Schweiz) übernommen werden. Damit sind dies die
wohl einzigen Gesetze, gegen die in der Schweiz kein Referendum
ergriffen werden kann.
Die Schweiz habe nun bei der ZKR «über kurz
oder lang» das Verbot der einwandigen Tanker gefordert, sagt
Feierabend. Dies unter anderem, weil der Abschnitt zwischen
Basel und Rheinfelden der «nautisch schwierigste Abschnitt»
sei. Ein Unfall mit einem mit Schweröl beladenen Tanker in
der Stadt könnte verheerende Folgen haben. Dieses wird nämlich
bei einer Temperatur von 70 bis 80 Grad Celsius transportiert,
was im Brandfall zu einem grossen Problem für die Feuerwehr
würde.
Aber auch eine Verunreinigung des Wassers
hätte Folgen: Basel bezieht nämlich einen Teil des Trinkwassers
- gereinigt - aus dem Rhein. Nicht alle ZKR-Staaten sehen
hier aber den gleichen Handlungsbedarf. Die Schweizer Kommissare
spürten einen steifen Gegenwind, als sie die Eingabe gemacht
hatten, sagt Feierabend.
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