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Quelle: Basler Zeitung
05.06.2007; Seite 6

Willkommen im Pixelparadies
Mit der Umstellung auf digitale Projektion steht die Kinobranche vor einer Revolution

Michael Heim
Noch hört man im Kino auf den hinteren Rängen das Rattern der Projektoren. Nicht mehr lange. In Zukunft kommen die Bilder ab Festplatte. Doch die digitale Projektion ist ein grosses Abenteuer.

Die Zukunft liegt in Uzwil, Kanton St. Gallen. Das Kino City mit zwei Sälen und insgesamt 260 Sitzplätzen kommt seit vergangenem Sommer ohne Filmspulen aus. Dank eines Digitalprojektors ruft Kinobesitzer Anton Ambord die Filme von einer Computerfestplatte ab. «Dem Publikum gefällts», stellt er fest. «Die Qualität des Bildes ist einiges besser als mit den 35-Millimeter-Filmrollen.»

Noch ist Ambord in der Schweiz ein Exot. Erst in 13 Schweizer Kinosälen stehen gute Digitalprojektoren. Die Schweiz liegt damit im internationalen Vergleich weit zurück. Vor allem in den USA zeichnete sich im vergangenen Jahr der Durchbruch der neuen Technologie ab: Innert eines Jahres stieg die Zahl der digitalen Kinosäle von 848 auf rund 3000. Das zeigt die Statistik des Marktforschers Screen Digest.

Mit der Digitalisierung wollen die Filmstudios nicht weniger Erreichen als die Abschaffung des Films. Seit hundert Jahren dient er als Transportmittel der bewegten Bilder und in dieser Zeit hat sich am Vertrieb kaum etwas geändert. Zur Lancierung eines jeden Films werden weltweit Hunderte Kopien gezogen. Auch Ambord bekommt die meisten Filme per Post in mehrere Rollen zerlegt zugestellt. Von Hand klebt er sie zu einem durchgehenden Streifen zusammen. Dasselbe macht er mit den Trailern, den Vorschaufilmen.

Teure Kopien. Der Vorteil des analogen Systems ist klar: Dank des Standards sind die Filme auf jedem Projektor abspielbar. Der Nachteil ist sein Preis. Pro Kopie gibt der Verleiher zwischen 1000 und 3000 Franken aus. Weltweit, so schätzte das Magazin «Screen International», summieren sich diese Ausgaben auf 3,5 Milliarden Dollar pro Jahr.

Dass es einfacher ist, Inhalte digital zu vertreiben, zeigt die Musikindustrie. Heute werden Lieder im Internet praktisch ohne Vertriebskosten verteilt. So schmerzhaft das im Falle der nicht bezahlten Kopien ist, am Vorteil der digitalen Welt ändert es nichts. Im Prinzip könnte zwischen den Kinos ein ähnliches Netz für Filme installiert werden.

DIGITALER SCHLÜSSEL. Hollywood hat seine Lehren aus den Erfahrungen der Musikindustrie gezogen. Mit den technischen Standards wollen die in der Digital Cinema Initiative (DCI) vereinten Hollywood-Studios verhindern, dass sich Unberechtigte in die Filmverteilung einklinken und Kinofilme gratis verbreiten. Ein digitaler Schlüssel soll dafür sorgen, dass Filme nur in den Kinos abgespielt werden können, die auch dafür bezahlt haben.

Die DCI-Standards sollen auch für eine einheitlich hohe Bildqualität sorgen, denn die Studios wissen: Von den Zuschauern wird digitales Kino nur akzeptiert, wenn es besser aussieht als der 35-Millimeter-Film. Derzeit sind die meisten DCI-konformen Kinos mit Projektoren ausgestattet, welche ein rund zweitausend Bildpunkte (Pixel) breites Bild produzieren. Längerfristiges Ziel sind viertausend Pixel, doch bisher gibt es erst einen Projektor, der das überhaupt kann.

Der qualitative Unterschied zwischen den beiden Ausmassen sei optisch kaum wahrzunehmen, beteuert Patrick Engeler, Geschäftsführer der auf Kinozubehör spezialisierten Firma Protronic in Birsfelden. Der Unterschied zu einfachen Digital-Formaten dagegen schon › alleine was die Datenmengen angeht. Während ein Film im DVD-Format rund sechs Gigabyte Speicherplatz benötigt, komme ein Film nach DCI-Standard auf 200 bis 400 Gigabyte, sagt er. Noch werden diese Filme auf Festplatten per Post verschickt. In Zukunft sollen sie über Internet- oder Satellitenverbindungen vertrieben werden.

Skeptiker versucht Engeler mit einer Studie des Fraunhofer Instituts zu beruhigen. Dieses habe 35-Millimeter-Filme bezüglich ihrer Auflösung untersucht und sei zum Schluss gekommen, dass heute in den Kinos verwendete Analogfilme selten über eine Bildbreite von tausend Pixeln hinauskommen. Gute Kopien erreichten etwa zweitausend Pixel, sagt Engeler. «Doch die sind teuer und werden nur für Prestige-Veranstaltungen wie Cannes gemacht.» Auch Selina Willemse, Geschäftsführerin des Filmverleihs Columbus, zeigt sich von der Auflösung des Digitalfilms überrascht: «Das Bild war so scharf, dass sich das Auge erst anpassen musste, wenn man sich die Körnung des 35-Millimeter-Films gewöhnt ist», sagt sie über die digitale Kopie eines Hollywood-Films.

Für die grossen Kinoketten ist klar, dass die Umstellung kommt. Die Pathé-Gruppe, in der Schweiz mit 60 Sälen vertreten, verhandelt derzeit mit Projektor-Herstellern über einen europaweiten Umstieg. Dabei geht es um viel Geld. Für die Ausstattung eines Kinosaals müssen 100 000 bis 150 000 Franken für Projektor und Datenserver bezahlt werden. Dank ihrer Nachfragemacht dürfte Pathé den Preis drücken können, doch der Wechsel bleibt auch so ein teures Geschäft.

Ungleiche Anreize. Bei den Verhandlungen geht es nicht nur darum, wie viel die Hersteller für ihre Geräte verlangen, sondern auch darum, wie sehr die Filmverleiher bereit sind, sich an den Projektoren zu beteiligen. Denn sie sind die Hauptprofiteure der Umstellung: In Zukunft können sie sich die teuren Filmkopien sparen. Die Geräte hingegen bezahlen die Kinobesitzer. Diese Rechnung geht nicht auf.

Eine mögliche Lösung stammt aus den USA und nennt sich Virtual Print Fee. Dabei wird das Geld, dass sich der Verleiher im digitalen Vertrieb spart, halb auf ihn und halb auf das Kino verteilt. Doch noch ist diese Gebühr in der Schweiz erst eine Forderung der Kinos. Nicht verhandelt wird dagegen über die bisherigen Verleihgebühren von 30 bis 50 Prozent des Umsatzes.

Pathé-Schweiz-Manager Grégoire Schnegg zeigt sich überzeugt vom nahenden Ende des 35-Millimeter-Films. Er rechnet damit, dass die Gesellschaft schon nächstes Jahr in Lyon ein Grosskino eröffnen kann, das komplett mit Digitalprojektoren ausgestattet ist. Bis es Filme nur noch digital gibt, dürften aber noch Jahre vergehen. Protronic-Chef Engeler rechnet vor: «Zwanzig Prozent der Kinos generieren achtzig Prozent des Umsatzes.» Sobald diese zwanzig Prozent digital ausgestattet seien, dürften sich die Verleiher überlegen, ob sich die analogen Kopien noch lohnen, schätzt er. Darüber, wann diese Schwelle erreicht ist, will er jedoch nicht spekulieren.

ZEHN Jahre amortisieren. Kinobetreiber Ambord hat nicht mehr gewartet. Er hat seinen Digital-Projektor auf eigene Rechnung gekauft. Andere Kinos mieten die Geräte, doch das wollte er nicht. «So gehört er mir», sagt er. Wie viel er für den Projektor und den dazu gehörenden Server bezahlt hat, behält er für sich. Aber er rechnet damit, die Geräte bis in zehn Jahren amortisiert zu haben. Angst, dass die Technologie bis dann veraltet ist, hat er nicht. Sein Lieferant garantiert ihm die nötigsten Upgrades.

Dabei ginge es auch günstiger. Bereits heute betreibt die Firma Cinecom ein dichtes Netz an Digitalprojektoren zur Ausstrahlung von Kinowerbung. Diese wird schon seit Jahren nicht mehr auf Rollen, sondern via Internet in die Kinos geliefert. Ein normaler ADSL-Anschluss reicht aus. Das System ist einfach, es hat jedoch einen gravierenden Nachteil: Die Bildauflösung der Projektoren entspricht gerade mal der des Fernsehbilds.

Das hat den Filmverleih Columbus nicht davon abgehalten, den Dokumentarfilm «The Oil Crash» ausschliesslich digital auf den Markt zu bringen. Er läuft derzeit in Schweizer Studio-Kinos auf dem System der Cinecom. So auch in Basel im Kultkino Camera. Kino -Mitarbeiter Roman Weiss zeigt sich zufrieden: «Die Qualität ist zwar nicht ganz so gut wie beim 35-Millimeter-Film. Mit etwas Distanz betrachtet ist das Bild aber wunderbar.» Viel besser wäre es wohl auch auf 35-Millimeter-Film nicht geworden, denn «The Oil Crash» wurde bereits digital in TV-Auflösung produziert. Gerade für die Studiofilmbranche könnte die Digitalisierung entscheidende Vorteile haben. Kinos wie das Camera generieren mit einem Film weit weniger Umsatz als grosse Mainstream-Theater. Da ist die Gefahr gross, dass der Verleiher die Kopierkosten nicht hereinholen kann. Fallen diese weg, sinkt das Verlustrisiko. Nicht selten werden in kleinen Kinos deshalb schon heute Filme digital gezeigt, wenn auch mit bescheidenen Mitteln. Oft stammt der Inhalt dann von einer DVD und die Projektion läuft über den Cenicom-Projektor oder andere Beamer mit geringer Auflösung. «Doch damit vertreibt man das Publikum», meint Gerätehändler Engeler. «Den Unterschied sieht jeder.»

Kinderkrankheiten. Andere Probleme hat Kinobesitzer Ambord. Zwar zeigt er sich begeistert von der Bildqualität seines neuen Projektors, die Technik befinde sich jedoch noch im «Versuchsstadium». Manchmal bekomme er falsch codierte Filme geliefert, die sich auf seinem Projektor nicht abspielen liessen. Andere Male mache die Sicherheitstechnologie Probleme, die während der Vorführung die Hardware prüfe. Deswegen sei es auch schon zu Ausfällen gekommen, erzählt er.

Dann greift Ambord ganz altmodisch zum Telefon und ruft nach Kalifornien an. Von dort bekomme er die Filme geliefert, sagt er. «Im Idealfall habe ich nach einem halben Tag wieder eine funktionierende Version. Manchmal aber auch erst nach drei Tagen.» Auf die Schweizer Filmverleiher könne man bei Problemen nicht zählen. «Die kennen sich selber noch zu wenig aus.»

> Offizielle Website der Digital Cinema Initiative: www.dcimovies.com