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Quelle: Basler Zeitung
11.11.2006; Seite 4

Der doppelte Bond
Statt möglichst viele Filme in den Kinos gilt heute: möglichst viele Kinos pro Film

Michael Heim
Zunehmend kämpfen die Basler Kinos mit den gleichen Filmen ums Publikum. Mit der Mehrfachvergabe versuchen die Verleiher, möglichst rasch viel Geld einzuspielen. Kritiker sprechen von «Gleichschaltung».

Wenn in zwei Wochen der neue James-Bond-Streifen «Casino Royale» ins Kino kommt, können sich die Basler Zuschauer das Kino aussuchen. Die einen werden die Premiere auf der Grossleinwand des Capitol verfolgen. Die andern pilgern ins Küchlin, das als Bond- Kino Tradition hat. Am Kinostart des Jahres spiegelt sich wider, was Basler Filmfans immer öfter beobachten: Liefen früher alle Filme exklusiv in den Sälen eines Kinobetreibers, treten zunehmend Konkurrenten mit dem gleichen Film gegen einander an.

Das Ende der Exklusivität begann mit «Fahrenheit 9/11» von Michael Moore, der im Sommer 2004 in den Kinos Eldorado und Atelier gezeigt wurde. Was zunächst nach einem Ausrutscher aussah › und von den Kinobesitzern auch so kommentiert wurde ›, hat sich seither gehäuft bei populären Streifen wie «Mein Name ist Eugen» oder «The Devil Wears Prada».

Der Grund für die neue Konkurrenz ist einmal, dass die Absprachen unter den Basler Kinobesitzern nicht mehr so funktionieren wie früher. Damals sollen die Betreiber den Verleihern nicht selten mit Boykott gedroht haben, wenn diese einen Film gleich in mehreren Kinos platzieren wollten. Untereinander sprachen sie ab, wer wann welche Filme bekam. Vor allem die «Steinenkinos» organisierten sich. Traditionen wurden gepflegt: James Bond ins Küchlin, Disney-Filme ins Hollywood. Die Studiofilme hingegen überliessen sie der Kultkino AG.

KAMPFESLUST. Mit der Übernahme des Küchlin durch die Kinokette Pathé und dessen Ausbau zu einem Multiplex-Grosskino sei diese Zeit definitiv vorbei, sagt Pathé-Geschäftsführer Grégoire Schnegg. «Die Absprachen von früher werden wir nicht mehr fortsetzen. Heute bekommen alle den Film. Allenfalls entscheidet die Ausstattung der Kinos darüber, wer wie viele Kopien erhält.» Während noch vor zehn Jahren unabhängige Kinobesitzer den Platz Basel bespielten, bestimmen heute drei Gesellschaften das Geschehen: Die meisten Studiokinos gehören der Kultkino AG, während sich die «Steinenkinos» auf die beiden Gesellschaften Kitag und Pathé verteilen (siehe unten). Diese kaufen ihre Filme zentral ein und versuchen entsprechend, ein schweizweit einheitliches Programm zu zeigen. Die Folge: Überschneidungen.

Der Trend zur Mehrfachvergabe › in anderen Städten der Normalfall › lässt sich aber nicht nur mit Wettbewerb und Kampfeslust erklären. Er wird den Kinos auch von aussen auferlegt. Die Verleiher haben ein Interesse daran, dass die Filme mit möglichst vielen Zuschauern starten und so schnell Umsatz generieren. Gute Zahlen am ersten Wochenende fördern das Prestige und ermöglichen es den Verleihern, in der Folgewoche weitere Kopien zu platzieren. «Wenn der Film gut startet, ziehen die Kinos auf dem Land nach», sagt Filmproduzentin und Verleiherin Ruth Waldburger. Zudem verdienen die Verleiher in den ersten Wochen mehr am einzelnen Zuschauer. Ihr Anteil am Umsatz beträgt zunächst 50 Prozent. Nach ein paar Wochen beginnt dieser zu fallen, bis er bei rund 35 Prozent zu liegen kommt. Wöchentlich werden die Margen neu ausgehandelt. Läuft der Film gut, bleibt der Verleiher-Anteil hoch. Kommen weniger Leute, sinkt er.

Der Hauptgrund für den schnellen Reibach dürfte aber die DVD sein. Seit die Filme immer früher als DVD in den Verkauf kommen, bleibt weniger Zeit für die Auswertung im Kino . Anzeigen mit dem Vermerk «30. Woche» sind deshalb kaum mehr in den Zeitungen zu finden. «Früher bedeutete ‹letzte Tage›, dass die Leute ins Kino rannten, um den Film nicht zu verpassen», sagt Romy Gysin, Geschäftsführerin der Kultkinos. «Heute denken sich die Leute: der kommt ja eh bald auf DVD heraus.»

Böse Zungen sagen, das Kino sei nur noch ein Marketing-Instrument für den Verkauf von DVDs. Seit dem Jahr 2000 ist der Umsatz mit DVDs in der Schweiz höher als jener mit Kinoeintritten. Derzeit beträgt er rund das Doppelte. Zwar sind auch die Umsätze an der Kinokasse in den vergangenen Jahren meistens gestiegen (2005 war eine Ausnahme). Für die Filmkonzerne hat das Kino aber an Bedeutung verloren.

SCHATTENSEITEN. Für die Kinobesucher bedeutet dieser Wandel, dass die Auswahl an Kinos für aktuelle Top-Filme grösser wird. Verschiedene Veranstalter buhlen um die Gunst der Kunden und rüsten die Infrastruktur auf: bessere Tonanlagen, weichere Polster, digitale Projektoren, die ein besseres Bild versprechen. Doch die Mehrfachvergabe hat auch Schattenseiten: Der Kampf um die Zuschauergunst führt zu einer Angleichung des Programms. Von «Gleichschaltung» sprechen die Kritiker. So blockiert der breite Start auf mehreren Leinwänden Säle für andere, kleinere Filme. Gleichzeitig nimmt das Risiko zu, einen Film zu verpassen. Denn nach ein paar Wochen in Küchlin und Capitol kommt selbst für James Bond der Moment, die Rückreise nach England vorzeitig anzutreten.