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Quelle: Basler Zeitung
Basler Zeitung; 2003-07-25; Seite 11a
Die Gemeinschaft der Steigerer
Die Internetseite eBay ist heute einer der grössten
Marktplätze weltweit. Nach dem Prinzip der Versteigerung können
Privatpersonen Gegenstände zum Verkauf anbieten - oder selber
als Käufer aktiv werden. eBay ist aber für viele Benützer
mehr als nur eine Börse.

Basel. Der Preis steht bei 60
Fr., alle Mitbietenden sind ausgestiegen. Die Auktion läuft
aber noch drei Tage und wird wohl - nach dieser kleinen Verschnaufpause
- den Preis noch weiter in die Höhe treiben. Über 85 Fr.
wird er aber wohl kaum steigen, denn bis zu diesem Preis kann das
Goldvreneli - um das geht es nämlich - mit Gewinn an die nächste
Bank verkauft werden. Bis dahin lockt der Nervenkitzel und die Hoffnung
auf den Gewinn. Aus dem Wirtschaftsredaktor wird ein Bazar-Händler
auf dem weltumspannenden Marktplatz der Website eBay.
Von Michael Heim
Weltweit gibt es schon viele Menschen, die vom Handel über
eBay leben (in den USA sind es rund 150 000). eBay ist ein idealer
Verkaufskanal, denn im Gegensatz zu einem Geschäft mit Ladenlokal
sind die Kosten sehr tief und die Käuferschaft gross. Weltweit
gibt es 69 Mio. registrierte eBay-Mitglieder.
Von seinen Verkäufen leben wollte auch Hanspeter Zgraggen
(Nickname: «onlinebrocki») aus Zürich. Schon länger
handelte er mit Antiquitäten und selber gesammelten Wildpflanzen-Samen.
Nach dem Verlust seiner Stelle sah er darin eine Chance für
die Zukunft. Seine Einnahmen schwankten zwischen 9000 Fr. und null,
davon leben konnte er auf lange Frist nicht. Zumindest nicht in
der Schweiz, denn der 59-jährige Zgraggen plant, mit seiner
Frau in deren Heimatland Nicaragua auszuwandern. Die Samen, die
er auch dort zu finden hofft, wird er weiterhin über eBay verkaufen.
«Für Nicaragua reichen die Umsätze», sagt
er.
Das «System eBay» ist einfach: In Versteigerungen kann
jedermann einen Gegenstand zum Verkauf anbieten. Die Auktion ist
zeitlich beschränkt, der Letzte bekommt den Zuschlag. Alternativ
ist es auch möglich, zu Fixpreisen zu verkaufen. eBay selber
stellt nur die Plattform zur Verfügung, das Geschäft läuft
zwischen den direkt Beteiligten ab. Finanziert wird die Website
über Gebühren, die jeder Verkäufer bezahlen muss.
Von Anfang an wollte eBay mehr sein als nur eine Handelsbörse.
eBay sollte eine Gemeinschaft werden, in der sich Gleichgesinnte
im Internet treffen können. In Foren - strikte nichtkommerziellen
Themen vorbehalten - können sich die eBayer über ihre
Hobbys austauschen. Selbst für Gedichte hat es Platz auf eBay.
Beinahe religiös muten die «Grundsätze der Gemeinschaft»
an: «Wir glauben, dass die Menschen gut sind», heisst
das oberste Gebot. Und weiter: «Wir bauen eine neue Welt und
eine Gemeinschaft im Internet. Jeder ist eingeladen, an dieser Welt
mitzubauen.» Zwar ist eBay inzwischen eine börsenkotierte
Unternehmung mit zahlreichen Ländergesellschaften. Viele Mitglieder
fühlen sich aber dennoch emotional zugehörig. Auch Hanspeter
Zgraggen sagt: «Ich bin ein eBayer.»
«klein_flausi» mag das Forum
Eine eBayerin ist auch die 24-jährige Thurgauerin Tanja (Nickname:
«klein_flausi»). Sie ist erst seit kurzem dabei und
nutzt vor allem die Foren, einige der Gedichte stammen von ihr.
«Viele Beiträge basieren auf Freundschaft», sagt
sie und schickt nach, sie habe in einem Forum sogar einen guten
Freund gefunden. «Wir trafen uns irgendwann im echten Leben
und hatten das Gefühl, wir würden uns schon ewig kennen.»
Die Foren sind nicht nur ein netter Service an die eBayer, sie
nützen auch dem Geschäft. Die emotionale Bindung an die
Website schafft Vertrauen. Und das ist im Internet noch immer Mangelware.
Ein bis zweimal im Monat steigert auch Tanja um etwas. Schlechte
Erfahrungen habe sie dabei nie gemacht, sagt sie. Nur einmal hat
sie eine DVD gekauft, die im Laden günstiger gewesen wäre.
«Ich denke, viele Leute suchen in erster Linie schon das Schnäppchen»,
sagt Tanja. Die Versteigerung an sich habe aber auch ihren Reiz.
«Wenn ich biete, ist immer auch ein Nervenkitzel dabei. Bekomme
ich den Artikel zum Preis, den ich mir als Limite gesetzt habe?
Oder biete ich endlich mehr, weil ich ihn unbedingt will?»
Inkonsequenz der Bieter
Gerade hier lauert eine gewisse Gefahr - für die Anbieter
ist sie eine Chance. «Es ist das Problem der Selbstverpflichtung»,
sagt Bernard Batinic, Psychologe an der Uni Erlangen-Nürnberg.
«Man setzt sich zwar ein Preislimit, verschiebt es aber immer
wieder in kleinen Schritten.» Vielen Leuten sei gar nicht
bewusst, wie sehr sie ihre eigenen Ziele überbieten würden.
Das Fieber des Steigerns, die Angst, nicht als «Sieger»
aus der Auktion hervorzugehen, und der Wunsch, einen Gegenstand
unbedingt zu haben, führen deshalb zu schnell steigenden Preisen.
Das bestätigt auch Zgraggen. Die besten Geschäfte habe
er mit Raritäten gemacht, bei denen ein paar Sammler unbedingt
kaufen wollten. «Da wurden irrationale Preise bezahlt»,
meint er.
Um die mangelnde Selbstbeherrschung wissen auch viele Benutzer
und verwenden deshalb Programme, die das Steigern für sie übernehmen.
Bei einem Biet-Agenten kann der Benutzer ein Höchstgebot festlegen
sowie die Abstände, mit denen der Agent erhöht. Auch intelligentere
Programme - so genannte «Sniper» - sind im Umlauf, obwohl
eBay sie verboten hat. Der Sniper steigt erst gegen Ende ein (um
den Preis zuvor nicht künstlich hochzutreiben) und versucht
dann, im allerletzten Moment das finale Gebot zu setzen.
Der Preis des Goldvreneli wird wohl erst dann zur Ruhe kommen,
wenn er sich dem Banken-Kurs angenähert hat. Ausser, ein verrückter
Sammler bietet aufgrund des Jahrgangs mehr als den Marktpreis. Dann
wird der Bazarhändler aus der Redaktion aber nicht mehr mitbieten.
| Kuriosa
hec. Über Ebay werden nicht nur Videos und Briefmarken
gehandelt, immer wieder waren auch ungewöhnliche Dinge
im Angebot. So hat im Februar 2001 ein amerikanischer Jugendlicher
für 400 Dollar seine Seele versteigert und im Mai dieses
Jahres wurde in Leipzig eine juristische Fakultät angeboten.
Diese sollte aus Kostengründen geschlossen werden, worauf
Studenten das Inserat veröffentlichten.
1999 wollte ein Amerikaner sein Wahlrecht bei der Präsidentschaftswahl
versteigern. Bei 10 000 Dollar wurde das Angebot von Ebay
entfernt. Günstiger war die «Luftgitarre in tollem
Design», die für 5.50 Euro verkauft wurde. Als
politischer Protest schliesslich war eine Annonce zu Anfang
dieses Jahres gedacht. Weil «leider etwas grössenwahnsinnig
und daher für die Weltgemeinschaft nicht mehr haltbar»
geworden, sollte «Präsident Bush» verkauft
werden. Ob sich dafür ein Bieter fand, ist nicht bekannt.
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