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Basler Zeitung; 10.01.2009; Seite kmgab3
KulturMagazin panorama
Die Kinos am Tropf der Filmstudios
Hollywood finanziert teure Digitalprojektoren und fordert eine Vorzugsbehandlung
Michael Heim
Grosse US-Filmstudios bieten den Kinos eine Finanzhilfe an, um den Umstieg auf die digitale Technik zu erleichtern. Die europäische Filmwirtschaft hingegen scheint weniger grosszügig.
Die Kinobranche befindet sich in ihrer grössten technischen Revolution: Die Filmrolle hat als Trägermedium ausgedient und wird durch die digitale Projektion ab Festplatte ersetzt. Bereits in 7000 Kinos weltweit steht ein digitaler Projektor, und täglich werden es mehr.
Die Digitalisierung bedeutet einen Technologiesprung – und sie soll sich lohnen, denn es entfällt das teure Kopieren analoger Filmrollen. «Künftig reichen theoretisch ein paar wenige Datenträger, die von Kino zu Kino geschickt und auf die dortigen Datenserver kopiert werden», sagt Leo Baumgartner vom Filmverleih Warner Brothers. «Damit sinken die Vertriebskosten.» Mehrere tausend Franken kostet eine analoge Kopie, die qualitativ mit der digitalen Vorlage vergleichbar ist. Weltweit gibt die Branche jährlich gut drei Milliarden Dollar fürs Kopieren aus.
investiert. Auch in der Schweiz stehen Digitalprojektoren, etwa im Basler «Pathé Küchlin». Dank ihnen kann das Kino Live-Übertragungen ausstrahlen und 3D-Filme zeigen. Finanziell lohnt sich das Experiment für Pathé noch nicht, denn die Ersparnisse im Vertrieb gehen voll zu Gunsten der Verleiher. Das Kino bezahlt unverändert eine Gebühr von 30 bis 50 Prozent des Umsatzes für die Nutzung des Films. Die Investitionen musste das Kino tragen, und die sind hoch: Die digitale Ausrüstung kostet das Vielfache eines herkömmlichen Projektors. Auf 160 000 Franken schätzt Patrick Engler von der Birsfelder Firma Protronic die Kosten für ein durchschnittliches Schweizer Kino. Protronic vertreibt Produkte des Kinoausstatters XDC.
Die belgische XDC hat den Kinos ein verlockendes Angebot gemacht: Gemeinsam mit den grossen Filmstudios aus Hollywood finanziert sie einen Teil der Investition. 40 000 Franken müsse der Kinoinhaber noch selber direkt oder per Kredit auftreiben. Den Rest bezahlen die sechs grössten Filmstudios. Für jeden Film, den die Verleiher digital ausliefern, überweisen sie eine «Virtual Print Fee» an XDC. Diese liege in der Grössenordung dessen, was die Verleiher durch die digitale Auslieferung sparen, sagt Engler. So wird der teure Projektor amortisiert.
Kassiert. Während alle grossen Hollywood-Konzerne in diesen Topf einzahlen, halten sich die europäischen Filmproduzenten nobel zurück. Die einseitige Entwicklungshilfe aus Amerika hat daher Folgen für die Kinobetreiber, die am Programm teilnehmen. Sie verpflichten sich, ein Minimum an Filmen der Partnerstudios als Premiere zu zeigen. Würden sie das nicht tun, bitte man sie zur Kasse, wie Engler erklärt.
Für jeden Konkurrenzfilm, der zu viel gespielt wird, müsse der Kinobesitzer den Betrag an XDC überweisen, den sonst die Studios bezahlt hätten. Wie viel das ist, will Engler nicht sagen. «L'Hebdo» schätzt die Gebühr auf 750 Euro. Da den Kinos verboten wurde, über den Inhalt der XDC-Verträge zu sprechen, lässt er sich nicht verifizieren. Geld verlangt XDC auch für die alternative Nutzung des Kinosaals. Läuft statt einem Film ein Fussballspiel, kostet das den Kinobetreiber zwischen 10 und 70 Euro pro Vorstellung – je nach Wochentag.
Verschachtelt. Unterm Strich lohnt sich das Angebot für Popcorn-Kinos, die vor allem amerikanische Filme zeigen. Arthouse-Kinos, die sich dem Autorenfilm verschrieben haben, kommen nie auf die Mindestquoten. Unklar ist, ob die Kinos auf dem Land und in Kleinstädten mit ihren Mischprogrammen die Vorgaben erfüllen. Philipp Weiss bedient mit «Fricks Monti» die lokale Kundschaft. Das Kino läuft. Es ist topmodern. Nun überlegt sich Weiss den Umstieg auf Digitaltechnik. Das XDC-Angebot sei ihm «unsympathisch», sagt er. «Das ist eine Abhängigkeit, die ich nicht begrüsse.» Mit dem Finanzierungsmodell wiederhole sich in der Kinobranche, was gerade eben die Finanzkrise ausgelöst habe. «Da werden Schulden verschachtelt und Konstrukte kreiert, bei denen man nicht weiss, wer wie viel daran verdient.»
Die Vermutung, XDC sichere sich einen guten Anteil der Studiorabatte, dürfte nicht unbegründet sein. Dafür spricht, dass in den USA die Investitionskosten in die neue Technik offenbar tiefer sind. In amerikanischen Medien werden Investitionskosten von rund 70 000 Dollar genannt – weniger als die Hälfte dessen, was Protronic-Chef Engler in der Schweiz veranschlagt.
Verhandelt. Monti-Inhaber Weiss sagt, er würde den Projektor lieber selber kaufen und mit den Verleihern über eine direkte Rückvergütung verhandeln. Doch das können nur die ganz grossen Kinounternehmen wie Pathé mit seinen Tausenden Leinwänden in ganz Europa. Auch die Swisscom-Tochter Kitag («Capitol», «Rex», «Studio Central») wird sich kaum den Standardkonditionen von XDC unterordnen. Während Warner-Direktor Baumgartner es für denkbar hält, dass auch kleinere Kinos direkt über Rückvergütungen verhandeln, stellt sich der Verleiher Disney gegen Direktverhandlungen. Wer seine Digitalanlage selber finanziere, komme nicht in den Genuss der Rückvergütungen, sagt Verkaufsleiter Marcel Dinten. Direkte Verhandlungen seien unmöglich.
In der Branche werden Auswirkungen auf das Programm befürchtet. Das «CineBulletin» spricht von einer «Gefährdung der Angebotsvielfalt» und forderte das Bundesamt für Kultur auf zu handeln. René Gerber, Direktor von ProCinema, sieht ebenfalls Gefahren: «Wenn ein Kinobetreiber Ende Jahr vor der Wahl steht, einen Film der Partnerstudios oder einen anderen ins Programm zu nehmen, und es fehlen ihm noch zwei digitale Premieren, dann kann er nicht mehr frei entscheiden.»
An den Solothurner Filmtagen Ende Monat will das Bundesamt für Kultur die beteiligten Parteien an einen Tisch rufen, wie Nicolas Bideau, Chef der Abteilung Film, erklärt. Dabei habe man auch die Wettbewerbskommission zu Hilfe gezogen, sagt er. Grosse Unterstützung wird diese kaum liefern können, denn juristisch scheinen die Verträge sauber zu sein. Sprecher Patrik Ducrey sagt auf Anfrage der BaZ, die Weko habe darauf verzichtet, eine Voruntersuchung zu den Kinoverträgen zu eröffnen.
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