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Graumarkt bedroht WIR-System

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Quelle: Basler Zeitung
Basler Zeitung; 2003-09-04; Seite 13

--> Kästchen: Grosserfolg mit SFr.-Konten

Graumarkt bedroht das WIR-System

In der Schweiz gibt es zwei Währungen: den Schweizer Franken und das WIR-Geld. Gewerbler bezahlen einander oft in dieser Parallelwährung, in der Kredite zur tiefen Zinsen erhältlich sind. Offiziell lautet der Kurs 1:1. Auf dem Graumarkt aber herrschen hohe Abschläge auf WIR.

Basel. Die Hypothekarzinsen sind auf rekordtiefem Niveau. Die variable Hypothek bewegt sich heute unter 3%. Beim Angebot «Hypothek für 1%» staunen wir aber dennoch, schauen ein zweites Mal hin und werden neugierig. Das Angebot stammt von der Basler WIR-Bank und gilt nicht für Kredite in Schweizerfranken, sondern für WIR-Kredite.

Von Michael Heim

Das WIR-Geld - eigentlich eine Zweitwährung - ist vor allem unter KMU verbreitet. Die Bank hat derzeit rund 60 000 Kunden, die letztes Jahr 1,7 Mrd. WIR-Franken umgesetzt haben. Bargeld gibt es im WIR-System nicht, ansonsten sind alle Zahlungsarten denkbar: vom Cheque («Buchungsauftrag») bis zum Internet-Banking. Dabei sind reine WIR-Bezahlungen eher selten, im Durchschnitt rechnen die Firmen 40% des Preises in WIR ab.

Weil die WIR-Bank - wie die Nationalbank im Umgang mit Schweizer Franken - Herausgeberin des WIR-Geldes ist, kann sie sowohl die Geldmenge, als auch den Zinssatz selber steuern. Gegründet wurde der WIR als «Wirtschaftsring» in der Krise der dreissiger Jahre. Wie viele andere «Freigeld»-Projekte wollte man auch in der Schweiz ein Währungs-Modell schaffen, das keine Anreize bietet, Geld zu horten. Dazu gehört, dass WIR-Guthaben nicht verzinst werden und Kredite günstig zu haben sind. Die WIR-Verrechnung wurde so zum weltweit erfolgreichsten Freigeld-Projekt.

Umtausch ist verboten

Die Vorteile des WIR-Geldes liegen auf der Hand. Weil Kredite in WIR günstiger sind als in Franken, besteht ein Anreiz für den Käufer einer Ware, in WIR zu bezahlen. Weil die Anreize, WIR zu sparen, tief sind, gibt es immer - auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten - Leute, die mit WIR einkaufen wollen. Damit besteht ein Anreiz für den Verkäufer, WIR als Zahlungsmittel zu akzeptieren. Denn so kann er Käufer gewinnen, die bei Bezahlung nur in Franken vielleicht nichts oder weniger kaufen würden.

Ein Problem beschäftigt aber viele WIR-Mitglieder. Akzeptieren sie zu viel WIR-Geld bei ihren Verkäufen und haben sie zu wenig Möglichkeiten, diese wieder auszugeben, drohen Liquiditätsengpässe. Das Naheliegendste in diesem Fall ist es, WIR gegen Franken zu tauschen, so wie auch Euro verkauft werden können, wenn die Bestände zu hoch werden. Dies jedoch verbietet die WIR-Organsiation ihren Mitgliedern. Zwar gibt es Händler, die den An- und Verkauf propagieren. Erwischt die WIR-Bank aber Mitglieder beim Handel, so werden diese von der Mitgliedschaft ausgeschlossen.

In den letzten Jahren hat sie dieses «Monitoring» verschärft und versucht, auch gegen die Händler schärfer vorzugehen. Die Möglichkeiten sind dabei indessen begrenzt, denn Nicht-Mitglieder kann sie juristisch nicht belangen. WIR kennt diesbezüglich nur die eigenen, internen, Gesetze.

Handel schadet dem System

Weshalb legalisiert die Bank den Handel nicht? Wäre ein transparenter Markt nicht zum Nutzen aller? «Das wäre eine Bazar-mässige Sache», beschreibt Schnebli den freien Handel. «Wir wollen, dass Güter fliessen, und nicht, dass sich einige Händler eine goldene Nase verdienen können.» Kunden, die Probleme haben, sollten sich bei der Bank melden, findet Schnebli, nicht bei WIR-Händlern.

Durch die Möglichkeit, WIR jederzeit gegen Franken tauschen zu können, würde auch der Anreiz schwinden, WIR so schnell wie möglich auszugeben. Dies aber - den Konsum und damit die Konjunktur anzukurbeln - ist der primäre Zweck des WIR-Systems.

Abschlag liegt bei 40%

Es steckt wohl noch eine andere Überlegung dahinter. Die WIR-Bank betont immer die Parität zwischen Franken und WIR; es gilt der Wechselkurs «eins zu eins». Legaler Handel könnte den Abschlag aufzeigen, der für den Tausch verlangt wird. Auf dem Graumarkt ist das heute erst recht der Fall. Die WIR-Bank spricht von einem Abschlag von 5 bis 15%. Recherchen der BaZ zeigen höhere Werte: Derzeit verrechne er beim Ankauf einen Abschlag von 40% auf den Nennwert, sagt ein Händler, der nicht mit Namen genannt werden will. Verkauft wird WIR mit einem Disagio von 35%. Von der Differenz lebt der Händler. Der Abschlag sei abhängig von der Konjunktur, sagt er. Je schlechter, desto grösser der Abschlag. In der Schweiz gebe es fünf Firmen, die den Handel professionell betrieben, erzählt er. Dabei werden die Abschläge durchaus unter einander abgesprochen. Der Händler glaubt nicht, dass der WIR-Handel zunehmen würde, sollte die Bank ihn dereinst erlauben. Denn wenn jemand Geld brauche, dann verkaufe er seine WIR auch heute, sagt er. Wohl aber würde seiner Meinung nach der Abschlag bei einer «Legalisierung» kleiner. Dies würde dem System eher nutzen als schaden.

Liquidation auf Umwegen

Die Tatsache, dass WIR nicht umgetauscht werden kann, wird problematisch, wenn eine Firma liquidiert werden muss und noch WIR-Guthaben vorhanden sind. In diesem Fall erübrigt sich der Zweck des «Tauschgeldes». Schnebli empfiehlt, in diesem Falle mit dem Guthaben Güter zu kaufen und diese dann gegen Franken zu veräussern. Im Falle eines Konkurses müsse der Konkursverwalter dies übernehmen, so Schnebli.

Dieser heisst in Basel Andreas Schmidlin und wurde «zum Glück» bisher von so einer Arbeit verschont. Da sich die WIR-Guthaben, mit denen er es zu tun gehabt habe, nur im tiefen vierstelligen Bereich bewegt hätten, habe er sich noch immer mit der WIR-Bank auf einen Tausch in Franken einigen können. Verpflichtet ist diese aber nicht dazu. Ob er bei höheren Beträgen an einen WIR-Händler treten würde, kann er nicht sagen. Auf jeden Fall könnte die WIR-Bank nichts dagegen unternehmen.

Grosserfolg mit SFr.-Konten

hec. Seit ein paar Jahren ist die WIR-Bank nicht nur die zentrale Institution im WIR-System, sondern auch erfolgreich im normalen Frankengeschäft mit Privatkunden tätig. Nebst Lohn- und Sparkonto bietet sie seit neustem auch Drittsäulen- und Freizügigkeitskonti an. Im Vergleich mit anderen Banken sind diese überdurchschnittlich hoch verzinst. So bezahlt die Bank bis zu 2,5% auf Spargelder. Selbst das Kontokorrent ist mit 1,25% (für Beträge bis 50 000 Fr.) grosszügig verzinst.

Bald auch Festgelder

«Zudem planen wir derzeit die Einführung von Festgeldern», sagt Produktmanager Michael Schnebli. Einen Zeitpunkt kenne er allerdings noch nicht. Weiter ins Anlagegeschäft will die Bank aber vorerst nicht vorstossen. Der Börsenhandel ist für die Bank zurzeit kein Thema. Dafür ist sie mit den Hypotheken auch im Aktivgeschäft tätig. In Schweizer Franken sind diese zwar nicht für 1% Zins zu haben (siehe Haupttext). Mit 3,25% liegt die variable Hypothek aber im Rahmen des Üblichen. Mit den hohen Sparzinsen ist die WIR-Bank auf offene Ohren gestossen. letztes Jahr haben sich die Kundengelder auf 512 Mio. Fr. verdoppelt. Der grösste Teil davon - 412 Mio. Fr. - liegt auf Anlagekonten. Und das Wachstum geht munter weiter. Im ersten Halbjahr 2003 sind die Kundengelder um weitere 46% angewachsen.

Umbau der Beratungszone

Darin liegt auch der Grund, weshalb sich die Kasse der WIR-Bank derzeit in einem speziellen Sicherheits-Container am Auberg befindet. Die Kundenzone im Parterre der Bank wird nämlich umgebaut - Eröffnung wird am 24. Januar 2004 sein. Sieben Mitarbeiter werden dann für die Kundschaft da sein.