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© Basler Zeitung; 08.08.2009; Seite bazab2
heute - Leitartikel

Die Revolution wurde verschoben
Die Welt nach der Finanzkrise

Michael Heim
Wie sind sie nicht alle aufgeblüht! Die Altachtundsechziger, denen die Karrieren ihrer Mitstreiter von früher schon immer ein Dorn im Auge waren. Die Globalisierungsgegner, denen Vernetzung nur gefällt, wenn sie von links kommt. Und die Moralisten, denen eine Wirtschaftswelt, die sich wertfrei gibt, eh suspekt ist. Für sie alle war die im letzten Herbst so richtig ausgebrochene Finanzkrise Weihnachten.

Plötzlich wurden Diskussionen geführt über einen Wertewandel, dem sich so niemand richtig in den Weg stellen wollte. Vom Ende des Kapitalismus war die Rede, oder zumindest vom Ende der Finanzwelt, wie wir sie schon so lange kennen.

Doch irgendwann waren die Firmen gerettet und als auch Branchen, die mit der Finanzkrise nichts zu tun hatten, noch ein wenig Geld vom Staat bekamen, war vom Systemwechsel nichts mehr zu spüren. Seien Sie ehrlich: Haben Sie wirklich das Gefühl, dass wir künftig in einer Welt leben, in der Banken nur noch Geld nach ökologischen Kriterien vergeben, in der Unternehmen auf Gewinne und Manager auf Boni verzichten? Erwarten nicht auch Sie am Ende des Jahres einen Zins von Ihrer Bank, obwohl es Ihr Geld ist, das arbeitet, und nicht Sie?

Die Gewinne sind zurück. Zwar zittern noch immer ein paar Banken und in Bern zetern die Politiker darüber, dass sie bei den Rettungsdeals, die zuvor von anderen Politikern abgesegnet worden sind, zu wenig mitzureden haben. Gleichzeitig aber weisen jene Banken, die sich nicht ganz so übel verspekuliert haben, bereits wieder Gewinne aus und treiben ihre Expansionsstrategien weiter voran.

Zwar sind unter dem öffentlichen Druck der letzten Monate die zuvor explodierten Boni durchaus etwas geschrumpft. Und vielleicht wird es dereinst Regeln geben, nach denen Banken ihre Mitarbeiter belohnen dürfen. Doch erstens waren Banken schon immer Meister beim Kreieren von Produkten, mit denen Regeln umgangen werden können, und zweitens sind Regeln auch schnell wieder geändert.

Schon haben die Aktienbörsen wieder massiv zugelegt und auch die Wirtschaftsindikatoren zeigen in Richtung Erholung. Das Ende des Kapitalismus? Wohl eher nicht.

Und so bleibt die Frage: Was bleibt? Sicher die Erkenntnis, die sich in der Wissenschaft eigentlich schon lange hält, dass der staatliche Nachtwächter doch etwas besser ausgestattet sein muss, als dass sich das einige Politiker und Ökonomen in den Achtzigerjahren vorgestellt haben. Die Tatsache, dass der Konkurs einer einzelnen Wall-Street-Bank ein aufgeblasenes, aber noch halbwegs funktionierendes Finanzsystem derart schnell zum Kollabieren bringen kann, hat selbst kritische Ökonomen überrascht. Vielleicht wächst nun auch in den Banken langsam die Erkenntnis, dass man wichtige wirtschaftliche Entscheide nicht Mathematikern und Physikern überlassen sollte. Ökonomie ist eine Sozial- und keine Naturwissenschaft.

Moral Hazard. Zu den problematischeren, weil teuren Hinterlassenschaften der Finanzkrise gehört jedoch etwas anderes, und das wird in der Ökonomie «Moral Hazard» («moralisches Risiko») genannt. Als die von orthodoxen Ökonomen beratene Politik an der Bank Lehman Brothers ein Exempel statuieren wollte und das Institut in den Konkurs schickte, ergab sich eine paradoxe Situation: Gerade weil die Politik versucht hat, einen Präzedenzfall zu verhindern, hat sie ihn geschaffen. Erst die Folgen des Konkurses haben gezeigt, dass es im heutigen Finanzsystem nicht möglich ist, grosse Banken sich selber zu überlassen. Zuvor wurde das nur vermutet.

Künftig ist klar, dass der Staat nicht nur der berühmte letzte Kreditgeber («Lender of last Resort») bleiben wird, sondern im Notfall auch Banken aufkaufen muss. Nicht nur Zyniker reden deshalb davon, dass faktisch jede Bank eine Staatsgarantie hat. Was das langfristig für die Risiken bedeutet, die Banken aus ihrem Gewinnstreben heraus eingehen, ist heute noch schwer abzusehen. Unter den neuen Umständen dürften sie aber eher zu- als abnehmen.

michael.heim @baz.ch