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Bisher nur online publiziert

1.9.2002

Kolumne: Gelbe Folklore

Gehören Sie auch zu den Leuten, die am Ende des Monats ihre Einzahlungsscheine nehmen, alles aufaddieren und dann mit einem kleinen Fresszettel, auf dem die Summe steht, an den Bankschalter spazieren, um genau (!) 1'437 Franken 75 abzuheben? Ich hasse ja solche Menschen.

Nicht nur, weil ich früher mal an genau so einem Bankschalter gearbeitet habe und am Monatsende jeweils zu wenig Münz in der Kasse hatte. Und am Abend eine Kassendifferenz.

Nicht nur, weil ich natürlich immer am Monatsende einen eingeschrieben Brief bekomme, den ich bei uns auf der (schon bald geschlossenen?) Quartierpoststelle abholen muss. Dort warten dann jeweils schon hundert Leuten auf mich, die alle ein gelbes Büchlein in der einen Hand und ein dickes (klimperndes) Couvert in der anderen Hand halten.

Nicht nur, weil ich es mühsam finde, wenn mir bei einer Einzahlung mehr Spesen verrechnet werden, als Geld eingezahlt wurde, nur weil ein lieber Freund mit dem Einzahlungsschein, den ich ihm - nichts böses ahnend - gegeben habe, an den Postschalter spaziert ist.

Nein, eigentlich ist es mehr die Lebenseinstellung dahinter, die mich stört. Heute haben wir doch eigentlich die bequemsten Möglichkeiten, Rechnungen einfach zu begleichen. Quick-Zahlungsaufträge, Internetbanking, Daueraufträge, LSV und... und... und... All dies haben freundliche Bank- und Postbeamte erfunden, um uns von ihren Schaltern fern zu halten. Und trotzdem gehen immer noch viele Leute - und ich kenne sogar Bankangestellte, die das machen - persönlich mit Bargeld auf die Post. Wieso machen sie das? Ist es eine Kontrollsucht? Vertrauensmangel? Nostalgie? Ich habe keine Ahnung!

Langsam beschleicht mich das dumme Gefühl, Poststellen-Schliessungen seien wirklich das einzige Mittel, diesem Treiben ein Ende zu setzen. Nur dass ich dann meinen eingeschrieben Brief in Bern abholen muss.