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Quelle: www.gezetera.ch
Gezetera online, studentisches Portal der Universität Basel.
Kolumne: Adam Smith spricht zur Welt (Wirtschaftler-Kolumne)
10.10.2001

Adam Smith spricht zur Welt: Wir alle haben die Swissair runter geholt!

Vorgestern war ich Barfi. Da klebte ein kleines Plakat mit der Aufschrift "Wir sind die Swissair". Daneben das prägnante Heck mit dem weissen Schweizerkreuz. Nun treffe ich also die Swissair endlich wieder einmal in Basel an, nachdem ich sie auf dem Flughafen schon lange nicht mehr gesehen habe.

Die Swissair ist ein Phänomen (oder sie war es). Kaum jemand in der Wirtschaft soll nicht am Untergang der ehemaligen nationalen Fluggesellschaft schuld sein. Einmal wird der Zürcher Freisinn beschuldigt, weil er kollektiv im Verwaltungsrat der Swissair sass. Dann die Credit Suisse, weil ihr Chef ebenfalls mit an Bord war. Dann wird die Verwaltung in Bern beschuldigt, sie hätte schon seit Jahren ihres Amtes walten sollten, weil die Swissair schon lange gegen Vorschriften betreffs Liquidität verstossen habe. Dann ist wieder die Basler Connection - die oft fälschlicherweise dem "Daigg" zugeordnet wird - schuld; Moritz Suter und Marcel Ospel hätten diesen "Putsch" lange geplant. Schliesslich wird das Management der Swissair und last but not least das Aktionariat genannt. Es gibt wohl keinen, der unschuldig ist.

Und das stimmt sogar, aber anders als es oft gesagt wird. Schuld sind wir Schweizer. Denn es ist eine typisch schweizerische Eigenart, sich nicht Grösseren anzuschliessen, sondern selber der Grösste sein zu wollen. Deshalb schloss sich die Swissair nicht einer Allianz an, sondern bastelte sich ihre eigene. Mit Müh und Not. Auch das weisse Kreuz hat viele geblendet. Wäre da nicht unser Wappen auf dem Heck jedes Flugzeugs gewesen, wäre die Swissair wohl einfach eine Firma mit Geldproblemen und einem immer stärker abnehmenden Qualitätsniveau (Kaffee aus Pappbechern!) gewesen. Wir glaubten aber alle an das nationale Symbol und vergassen, hinter die Kulissen zu blicken. Auch der Verfasser dieses Artikel überlegte sich noch vor wenigen Wochen, ob es sich nicht lohnen würde, in die Swissair zu investieren. Zum Glück hat er es nicht getan...

Die ganze Diskussion wäre nicht so mühselig, wenn nicht noch einige Dinge dazukämen. Bei aller Erschütterung über die grosse Zahl der Arbeitslosen, die schon bald auf den Kanton Zürich zukommen dürfte, ist der Ausdruck "Volkswirtschaftliche Katastrophe von nationalem Ausmass" wohl eine Übertreibung. Eine Katastrophe ist es, dass Fluggäste am Flughafen standen und nicht mehr wussten, was sie tun sollten. Eine Katastrophe wird auf alle Angestellten zukommen. Und auf die Sparer, die glaubten, Anleihen der Swissair seien sicher. Aber die Horrorsituation, dass die Schweiz von der Aussenwelt abgeschlossen würde, wird wohl noch nicht einmal eintreffen, wenn auch noch die Crossair pleite ginge. Wir werden immer in die Ferien fliegen können. Denn wenn einmal niemand mehr die Schweiz bedienen würde, wäre es dann nicht unglaublich rentabel, eine neue Fluggesellschaft zu gründen und zwischen Zürich und New York hin und her zu fliegen?

Aber das Image der Schweiz hat doch so stark gelitten. Frage: Nimmt uns das Ausland wirklich so stark wahr, wie wir das immer glauben? Zeitlich mit der Swissair ging in Australien die grosse Fluggesellschaft Ansett pleite. Das haben die Schweizer gar nicht bemerkt. Und Ansett war durchaus mit der Swissair vergleichbar. Es ist anzunehmen, dass die Geschichte mit der Swissair im Ausland zwar bemerkt wurde, aber wohl bald wieder vergessen sein wird.

Was gibt es noch zu sagen? Etwas sarkastisch: Die Gewinner der Geschichte sind die Bewohner des Aargaus und Südbadens. Sie wollten weniger Anflüge auf Zürich und das werden sie jetzt auch bekommen. Etwas ernster: Sie Geschichte sollte uns lehren, Wirtschaft und Nationalismus stärker zu trennen. So wenig wie die Swissair ein Nationalmonument war, so wenig sind auch Nestlé oder die Novartis eines. Sie sind einfach grosse Arbeitgeber, die für uns alle wichtig sind. Aber es sind auch Firmen, mit denen Geld verdient werde muss. Hoffen wir einfach, dass wir nicht eines Tages auch die Post, die Swisscom oder die SBB von einem auf den anderen Tag schliessen müssen, weil die Schwachstellen in diesen Betrieben jahrelang ignoriert wurden, weil sich ihre Chefs nicht getrauten, der Schweizer Bevölkerung die grausame Wahrheit zu sagen. Leidtragen würden dann in erster Linie wieder die Angestellten sein, denen man bis in die letzte Minute falsche Hoffnungen macht. Und dass Big nicht unbedingt beautiful sein muss, sollte man einem Schweizer ja nicht erklären müssen...