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Quelle: pepperoni.ch
Pepperino.ch ist eine Schweizer Zeitschrift, welche vier mal jählich
erscheint und sich den Bereichen Kultur und Humor widmet.
Die verbotene Faszination des Stierkampfs
Als "Kind der Achtzigerjahre" (geboren 1978) - moralisch erzogen
von der Political Correctness der Generation X (Delfine, Waldsterben,
Regenwälder, Walfische,...) - dürfte ich eigentlich gar nicht über
dieses Thema schreiben. Wie aber alle, die in den Neunzigern so
langsam zu ihrem eigenen Selbst gefunden haben, und sich dementsprechend
leicht abwehrend gegen die Moralkeule ihrer Vorgeneration auflegten,
möchte ich es dennoch tun.
Der Stierkampf erregt die Gemüter (nicht nur bei uns, sondern auch
in seinen Herkunftsländern, das sei durchaus auch festzuhalten).
Schliesslich werden Tiere - von ihrem Schicksal nichts ahnend -
in einem viertelstündigen Schaukampf hingerichtet. Die alten Römer
taten das mit Christen und Sklaven. Rein objektiv ist es durchaus
verständlich, dass man sich gegen diese Schlachtweise, die das umstrittene
Schächten als Bio-Methode erscheinen lässt, wehren sollte. Weshalb
gibt es den Stierkampf trotzdem immer noch?

Der Stier gewinnt den Kampf, schlussendlich
wird er dennoch sterben (Stierkampf, Barcelona, 2001)
Bei allem kulturellen Hintergrund und den positiven Seiten des
Stierkampfs (billiges Fleisch für die Armen, Verschonung von Christen)
gibt es auch irrationale, aber deswegen nicht weniger überzeugende,
Argumente für das Bestehen des Stierkampfs. Die Faszination.
Ich unterlag der Neugierde
Im letzten Herbst war ich mit Freunden in Barcelona. Da wir alle
den Stierkampf nur aus der "Bravo" kannten, unterlagen wir einer
gewissen Neugier und dem Drang, uns selber ein Bild davon zu machen.
Eine Kollegin verzichtete aus ethischen Gründen auf den Besuch (es
erstaunte mich, dass sie die einzige war). Das überraschende Ergebnis
des Besuchs: Wir unterlagen der Faszination. Erstaunlichweise waren
es gerade die Frauen, welche die wenigsten Gewissensbisse hatten.
Wie es zu diesem Ergebnis kam?
"Zwei Seelen schlagen, ach, in meiner Brust" soll einmal ein Dichter
gesagt haben, und dies gilt auch hier. Rein rational bleibt die
Feststellung, dass der Stierkampf eine brutale Sache ist. Blut spritzt,
Messer und Lanzen werden gebohrt, und am Ende stirbt ein Tier, das
vor dem (schnellen) Todesstoss, doch einiges an Blut verloren hat.
Und wenn das Tier nicht in der Arena stirbt, stirbt es dennoch hinter
den Kulissen. Weshalb aber, erscheint dem Besucher der Stierkampf
nicht als das, was er ist? Denn Zuschauer eines Gemetzels, feuern
nicht an, lachen und schreien nicht und essen auch kein Popcorn.
Wenn davon die Rede ist, dass der Stierkampf ein "Tanz zwischen
Torero und Toro" sei, ein Ballett in der Arena gewissermassen, so
hat das auch seine Wahrheit. Die Begegnung zwischen Stier und Stierkämpfer
- 1:1 - ist von grosser Eleganz. Der Kämpfer spielt mit dem Stier,
er lockt ihn, er lenkt ihn. Der Vergleich mit dem Tanz ist treffend.
Das Ganze erinnert an einen Tango, bei dem der Kämpfer das Tier
immer knapp an seinem Körper vorbei lenkt. Den Todeskampf ausgeblendet,
in Ländern wie Portugal ist das Töten verboten, ist der Stierkampf
etwas sehr Ästhetisches und Künstlerisches. Dafür, dass auch das
Töten des Tieres, nur für ein leichtes, nicht aber ein bestürztes,
Entsetzen sorgt, habe ich eine andere Erklärungstheorie.
Selbstverteidigung des Toreros als Selbstverteidigung
der Moral
Niemals ist es der Torero, der den Stier angreift. Von dem Moment
an, in dem der Stier die Arena betritt, ist es immer das Tier, welches
auf den Menschen zugeht. Provoziert von hektischen Gesten, intensiven
Blicken oder wehenden Tüchern (meist rosa, nicht rot) greift der
Stier die Menschen an. Er rennt auf Pferde zu, auf welchen Menschen
mit Lanzen sitzen. Natürlich ist klar, dass der Stier die Menschen
nicht aus reiner Blutrunst angreift, sondern Opfer der Situation
und der vorangehenden (unsichtbaren) Behandlungen ist. Dennoch sind
es optische Eindrücke, welche den Besucher des Stierkampfes prägen.
Der Stier rennt auf den Menschen zu. Der Mensch verteidigt sich.
Der Stier stirbt. Diese Optik macht es uns einfach, den Stierkampf
aus einer gewissen Abwehrhaltung heraus zu betrachten. Und Kampf
als Selbstverteidigung ist in unserer Kultur tief verwurzelt und
toleriert (was sich selbst in politischen Konflikten beobachten
lässt).
Sollten Stierkämpfe nun verboten werden? Grundsätzlich bin ich
der Meinung, dass diese Entscheidung den betroffenen Ländern überlassen
werden sollte. Grosse Veränderungen werden nur dann akzeptiert,
wenn sie breit abgestützt sind. Ein Zwang von aussen ist vermutlich
eher destruktiv. Schauen wir in unsere eigene Vergangenheit zurück:
Vor hundert Jahren noch wurden in zoologischen Gärten der Schweiz
Menschen aus Afrika ausgestellt. In speziellen Gehegen wurde ihre
Lebensweise aufgezeigt. Diese entwürdigenden und unmenschlichen
Ausstellungen haben wir heute nicht mehr (heute begeben sich Menschen
freiwillig in Container, um sich auszustellen). Der Grund dafür
war ein Prozess der öffentlichen Meinungsbildung, und diesen Prozess
hat uns - soweit mir bekannt ist - niemand aufgezwungen. Dass es
alternative Lösungen zum spanischen Stierkampf gibt, zeigen Stierkämpfe
in Portugal oder Südfrankreich, bei denen zwar gegen Stiere "gekämpft"
wird, ohne aber am Ende das Tier zu töten. Mit leicht veränderten
Spielregeln bleibt auch hier die Faszination des Tanzes von Mensch
und Tier erhalten.
Nach dem Besuch des Stierkampfes haben wir uns gefragt, ob dies
unser letzter Besuch war. Ich konnte keine schlüssige Antwort geben,
denn das Leben ist halt manchmal nicht so einfach, wie es uns die
"Bravo" in den frühen Neunzigern weismachen wollte.
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