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Quelle: pepperoni.ch
Pepperino.ch ist eine Schweizer Zeitschrift, welche vier mal jählich erscheint und sich den Bereichen Kultur und Humor widmet.

Rumänien - eine Metareportage

Diktator Ceausescu, Zigeuner, behinderte Kinder in erbärmlichen Waisenhäusern, Graf Dracula. Ein paar Vorurteile und Clichés, die mir in den Sinn kommen, wenn ich an Rumänien denke. Oder besser: Die mir in den Sinn kamen.

"Heim, Michael Heim. Nein, mir dem anderen Heim nicht verwandt. Auf der Wirtschaftsredaktion. Ein Stage, ein Praktikum, ein Volontariat, keine Ahnung wie man dem sagen soll. Es geht halt einfach 2 Jahre und ich arbeite als Redaktor."

Seit ein paar Wochen arbeitete ich nun bei der Zeitung (eine Basler Tageszeitung). In alten amerikanischen Filmen wäre ich wohl als Redaktionsbursche bezeichnet worden. Ich durfte und musste alles machen, was die anderen auch taten, hatte einfach die Vorteile, die man als Anfänger hat. Man wird oft nur mit einem Auge betrachtet.

Rumänien.

Spinnen die? Es kam eine Einladung vom Staatsekretariat für Wirtschaft für eine Pressereise nach Rumänien. Als mein Chef fragte, wer Interesse hätte und er mich anblickte, dachte ich, er mache einen Witz. Er meinte es ernst und ich gebe zu, die Sache reizte mich schon ein wenig. Am Ende war ich der einzige der gehen konnte (gewollt hätten noch zwei andere) und somit war es gebucht. Der Redaktionsbursche sollte also einen Bericht aus Rumänien schreiben.


Bukarest - eine Stadt mit vielen Gesichtern.

Das Thema an sich war nicht kompliziert - ich erfuhr es allerdings erst, als wir eigentlich schon unterwegs waren. Es ging um Heizkraftwerke, die renoviert wurden. Die Schweiz hatte mitfinanziert und Schweizer Firmen waren beteiligt. Das war die Geschichte. Die hätte man auch an einer Pressekonferenz im Bundeshaus präsentieren können, was dann aber vermutlich zu weniger Resonanz im Wirtschaftsteil unserer Zeitung geführt hätte. Und so ging es nebst mir auch den anderen drei eingeladenen Journalisten: Interessant war nicht die Geschichte, interessant war das, über das wir wohl nicht berichten würden.

Am zweiten Tag unserer Reise sassen wir im Büro des rumänischen Umweltminister, der zum Glück Deutsch konnte. Vis-à-vis das Unglaubliche: Der viel zu gross geratene Palast, den Ceausescu in Bukarest bauen liess und dessen Vollendung er nicht mehr mitbekam (er wurde erschossen, wir erinnern uns). Dieses riesige Gebäude, dieser Protz! Und das in einem Land, das als Armenhaus Europas gilt. Das war etwas, das mich beeindruckte, aber später so nicht im Wirtschaftsteil zu lesen war. Der Minister, ein freundlicher Neue-Mitte-ehemals-Unternehmer-Sozialist erzählte das, was wohl jeder andere Umweltminister auch erzählen würde. Also viel Material für meinen Bericht. Gute Zitate.

Als wir am Abend über die Strassen Bukarest schlenderten sprach uns eine junge Frau an (sie war 23). "Wollt ihr Frauen? Ich habe alles: blond, braun, schwarz...". Und sie meinte es ernst. Später erzählte mir ein erfahrenerer Kollege, dass viele Rumäninnen von Schleppern in den Westen gebracht werden. Oder zumindest gaukeln sie den Frauen Deutschland, Frankreich oder die Schweiz vor, bevor sie die Frauen auf dem Balkan "versauern" liessen. Dort arbeiteten sie dann in Bordellen, die Pässe vorsorglich abgenommen. Das verrückte ist: Jeder versteht diese Frauen, wenn sie weg wollen. In Rumänien verdienen sie bestenfalls 150 Franken im Monat, zum leben reicht das nur knapp. Ob es wohl weniger zur Prostitution gezwungene Frauen gäbe, wenn wir in der Schweiz grosszügiger mit "Wirtschaftsflüchtlingen" umgehen würden? Waren wir Schweizer nicht auch einmal en Land der Wirtschaftsflüchtlinge? Kein Thema für meinen Bericht.

Im Norden des Landes - dort befanden sich Fernwärme-Kraftwerke (die corpora delicta) - sah vieles so aus, wie wir es uns vorgestellt hatten. Auf den Strassen fuhren Pferdefuhrwerke; die Stadt Pascani bestand fast ausschliesslich aus Plattenbauten. Ostblock-Mief. Und mittendrin die Schweizer, freundlich empfangene Heilsbringer. Ein komischer Künstler organisierte ein Volksfest auf dem Dorplatz. Er war Schweizer und Kleidete sich irgendwie barock (vermutlich würde ich die Rolle eines exzentrischen Künstler mit genau einer solchen Person besetzen, wenn ich einen Film drehen würde, der am Mittwoche Abend auf RTL ausgestrahlt würde). Die Einheimischen sagten brev, er sehe aus wie eine Frau. Der Künstler machte eigentlich nicht viel mehr, als vier Feuer anzuzünden. Grosse Feuer (die Idee klaute er beim ersten August). Nur waren die Feuer dann Symbole und Artefakte und sie wurden nicht angezündet sondern "initiiert". Soll ich das in meinem Bericht erwähnen? Mir geht nur etwas durch den Kopf: Darin sind die Schweizer gut: Geld geben und Schaum schlagen. Die Freundin des Künstlers machte ein Video: Genau genommen: Sie filmte einfach alles - unscharf und uninteressant - und nannte das ganze dann... ich weiss nicht mehr wie sie's nannte. Für meinen Bericht war's irrelevant. Ich wollte den beiden nicht zu viel Stellenwert geben.

Ich unterhielt mich mit einem rumänischen Kollegen über seine Arbeit. In Pascani gibt es zwei Zeitungen, eine alteingesessene und eine Oppositionszeitung (rechter Flügel). Er arbeitete bei dieser. Sein Chef kandidierte als Bürgermeister (der alte ist schon seit 20 Jahren im Amt) und deshalb greift das Oppositionsblatt den Bürgermeister an, wo es nur geht. Rumänien hat die Pressefreiheit bekommen. Eine Pressechefin in Bukarest sagte zu mir, es gäbe zu viel Pressefreiheit in Rumänien. Kann es zu viel Pressefreiheit geben? Allerdings: Wie frei ist eine Presse, deren Journalisten nur 90 Franken verdienen und davon nicht leben können? Wie leicht sind solche Leute wohl beeinflussbar?

Am vierten Tag unserer Reise ging es wieder zurück nach Bukarest. Allerdings nicht so, wie's geplant war. Eigentlich wollten wir mit "Angel Airlines" fliegen. Eigentlich sollte es auch keinen Nebel haben, denn bei Nebel kann das Flugzeug nicht landen - der Flughafen Iasi hat noch kein Blindlandesystem. Statt dem Flugzeug blieb der Minibus noch ein Weilchen unser Transportmittel. Zusammen mit Berner Politikern, Künstlern und dem PR-Meister. Der rumänischen Organisatorin war das so peinlich, dass sie eine Polizeistreife organisierte, die uns den Weg frei räumte. Während zwei Stunden fuhr so vor uns her - mit Blaulicht und Sirene - und schubbste die Autos von der Strasse. Bei uns haben das noch nicht einmal Bundesräte, glaube ich. Einmal mehr ging es mir während der fünfstündigen Fahrt durch den Kopf, über was ich denn nun schreiben sollte. Wohl kaum über die Polizeistreife. Die hat ja mit dem Heiz-Projekt nichts zu tun.

Zwei Tage später sass ich wieder in Basel an meinem Redaktionsburschen-Schreibtisch. Stapelweise lagen die auf der reise gesammelten Akten vor mit auf dem Tisch. Zusammen mit einem dicken - vollgeschriebenen - Notizheft (Zitate, die Ursuppe jeder Reportage!). Nun galt es einen Bericht zu schreiben, der nur halb so lang sein sollte, wie der, den Sie gerade gelesen haben. Er sollte etwas mit Wirtschaft zu tun haben und das Projekt (Heizungen) sollte vorkommen. Ich hätte für das Schreiben wohl nicht so lange gebraucht, wenn ich einfach an eine Pressekonferenz ins Bundeshaus gegangen wäre. Der Bericht wäre wohl aber anders geworden, auch wenn ich über das gleiche geschrieben hätte. Manchmal schreibt man eben über Dinge, ohne sie zu erwähnen.