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17.10.2005

Bali nach den Bomben
Wie die Anschläge das Reisen verändert haben

Michael Heim, Kuta
Zwei Wochen nach den Anschlägen in Kuta und Jimbaran zeichnen sich die Folgen für die Ferieninsel Bali ab. Eindrücke einer Reise.

Es reist sich einfach auf. Wenige Touristen strömen durch die Strassen der Ferienorte und in den Tempeln sind westliche Besucher oft alleine unterwegs. Grud dafür sind aber weniger die Anschläge in Kuta und Jimbaran, als die einsetzende Nebensaison.

Kuta Beach. Ein Tourist fotografiert mit dem Handy den Ort, an dem knapp zwei Wochen zuvor Einheimische und Touristen bei einem Attentat umgebracht wurden. Foto Michael Heim
Kuta Beach. Ein Tourist fotografiert mit dem Handy den Ort, an dem knapp zwei Wochen zuvor Einheimische und Touristen bei einem Attentat umgebracht wurden.
Foto Michael Heim

Nur wenige Touristen sind nach den Bombenanschlägen abgereist. Peter Brun, Sprecher von Kuoni, sagt, nur gerade zwei von 118 Kuoni-Gästen hätten ihre Reise abgebrochen. Scheinbar haben sich die Reisenden an die Gerfahr terroristischer Anschläge gewöhnt.

Luxor, New York, Madrid, London, Bali. „Die Leute sind bombenmüde geworden“, sagt Jon Zürcher, Schweizer Honorarkonsul in Kuta. Und Hotelplan-Sprecher Hans-Peter Nehmer stellt fest: „Die Zeit, bis sich die Umsätze nach Anschlägen wieder normalisieren, wird immer kürzer.“

Wer in Bali unterwegs ist, wird nur selten an die Bomben erinnert. In Ubud im Hinterland der Insel begrüsst uns Hotelmanager Gusti Artana mit den Worten „Danke, dass Sie trotzem gekommen sind“. Das Wort Bombe spricht er nicht aus. In den grossen Touristengebieten bei Kuta, Nusa Dua und Sanur haben viele Hotels ihren Wachdienst ausgebaut. Männer in Uniform kontrollieren ankommende Fahrzeuge mit Spiegeln und Metalldetektoren. Teilweise führen die Hotels Präsenzlisten ihrer Gäste: Wer am Abend auswärts essen geht, muss sich an der Reception abmelden – wer das Hotel über den Strand verlässt, entgeht allerdings der Registrierung.

Alibimassnahmen. Diese Massnahmen dienen in erster Linie der Beruhigung der Gäste. Sie scheinen selten effektiv. Eine abolute Sicherheit könne es nie geben, sagt auch Zürcher. „Die Kontrollen an den Hoteleingängen bringen nichts. Der Bomber kommt ja nicht durch den Haupteingang, der betritt das Hotel vom Strand her, wo keine Wachen stehen.“ Wer rein wolle, komme auch rein, meint er.

Viele Reisende auf Bali wollen sich die Ferien nicht vermiesen lassen. „Sie haben einfach weiter gemacht, als ob nichts passiert wäre“, sagt Peter, ein Umweltingenieur aus Kalifornien. „Brechen wir die Ferien ab, so tun wir genau das, was die Terroristen wollen.“

Abgereist sind vor allem Touristen aus Australien, wo die Medien ein „grosses Geschrei“ gemacht haben, wie eine Frau aus Perth erzählt. Einige weichen aus. In kleine Ferienorte im Norden Balis oder auf die benachbarten Inseln Lombok und Jawa. Zeitungen, in denen eber die Verfolgung der Terroristen berichtet wird, gibt es dort nicht. Sicherheitskontrollen auch nicht.

An der Gedenkstätte des ersten - und massiv schlimmeren - Attentats von 2003 wurden auch heuer wieder frische Blumen abgelegt. Das Memorial befindet sich im Herzen des Ferienorts Kuta. Foto: Michael Heim
An der Gedenkstätte des ersten - und massiv schlimmeren - Attentats von 2003 wurden auch heer wieder frische Blumen abgelegt. Das Memorial befindet sich im Herzen des Ferienorts Kuta. Foto: Michael Heim

Derzeit sind die Hotels noch gut belegt, doch für die kommenden Weihnachten – normalerweise eine lukrative Zeit – rechnen die Hotelliers mit starken Einbussen. Ein Hotelmanager im Hinterland schätzt sie auf 10 bis 20 Prozent, Zercher rechnet mit mindestens 30 Prozent. Noch grössere Verluste befürchteten die Luxusresorts in Nusa Dua, die sich auf Badetourismus spezialisiert haben. Deren Gäste dürften am ehesten in andere Destinationen ausweichen.

Vogelgrippe. Vielleicht ist die Terrorgefahr schon bald nur noch das kleine Übel für Bali. „Am Himmel tut sich eine dunkelgraue Wolke auf“, sagt Zercher. „Die Vogelgrippe“. Sollte sie sich auf Bali ausdehnen, dürfte der Tourismus noch grösere Einbussen zu verzeichnen haben. Mit der Krankheit Sars hatte die Region vor zwei Jahren schon ähnliche Erfahrungen gemacht.

Die Händler in den Strassen der Touristen-Destinationen versuchen derweil, das beste aus ihrer Lage zu machen. Einer verkauft T-Shirts mit Aufdrucken wie „Fuck the Terrorists“ und „Osama don't surf“. Touristen, die solche T-Shirts auch tragen, haben wir dagegen nicht gesehen.

Nachtrag
Kurz nachdem dieser Bericht verfasst wurde, begann sich in vielen Hotels abzuzeichnen, was viele vermuteten. Die abreisenden Touristen wurden nur durch wenig ankommende Feriengäste ersetzt. Schon wochen nach den Attentaten von Legian und Kuta dürften die ersten im Tourismus beschäftigten Balinesen ihren Job verloren haben. (Basel, 27.10.2005)