Herbst 2000
New Orleans
- The Big Easy
Michael Heim (Text und Fotos)
Wenn
man während Tagen oder sogar Wochen in den Amerikanischen Südstaaten
unterwegs war, gibt es nichts schöneres, als in New Orleans, der
Stadt des Jazz' anzukommen. Verschiedener könnten die Welten nicht
sein. Auf dem Land einerseits die weite Leere - meilenlange Strassen
ohne eine noch so kleine Abwechslung - und die zurückhaltenden
Menschen, die keinen Unterschied machen zwischen Fremden aus dem
Norden und Fremden von anderen Kontinenten. In der Stadt dann ein
fröhliches Treiben, wie man es sonst nur von der Fasnacht kennt.
Selbst am Morgen tönt aus allen Ecken Musik, immer wieder trifft
man einen einsamen Saxophonspieler, so dass man sich
an die Stimmung erinnert, die sonst nur Am Donnerstag Morgen nach
der Fasnacht anzutreffen ist.
New Orleans hat, untypisch für eine Amerikanischen Grossstadt,
ein altes Stadtcentrum mit kleinen Reihen- und Einfamilienhäusern.
Auf dem etwa zwei auf zwei Kilometer grossen Gelände des "Vieux
Carré" stammen die Häuser noch aus der Zeit, als die Vereinigten
Staaten bestenfalls eine Idee waren. Wenn man die Stadt betritt,
wird man in ein anderes Jahrhundert versetzt.
Gegründet
wurde New Orleans von den Franzosen, die die Stadt "La Nouvelle
Orleans" nannten. Das gesamte Mississippidelta und grosse Bereiche
bis weit in den Norden gehörten damals zum Französischen Reich.
Noch heute gibt es deshalb Amerikaner, die einen (sehr seltsamen)
französischen Dialekt sprechen - die Cajouns. Ziemlich sicher
hat es mit dieser französischen Vergangenheit zu tun, dass New
Orleans als eine von wenigen Städten der USA von sich behaupten
kann, eine eigene und gute Küchentradition zu führen. Man kocht
viel mit Krabben und Fisch, wobei diese Zutaten nicht einfach
frittiert werden, wie es sonst im Süden der USA üblich ist, sondern auch mal
gebraten oder in einer würzigen Sauce gekocht (die berühmteste
Pfeffersauce "Tabasco" wird nicht weit von New Orleans entfernt
hergestellt).
Irgendwann hatten die Franzosen aber zu wenig Geld für ihre Kriege
und verkauften ihr Amerikanisches Land Louisiana, das nach den
berühmten Königen benannt war, an die USA.
Anders
als bei einem Besuch in Amerikas berühmtester Stadt New York,
gibt es in New Orleans kein Seitenlanges Pflichtprogramm, ausser
vielleicht...
...der Hauptattraktion, dem Jazz. Es braucht nicht unbedingt Abend
zu sein, um Jazz zu erleben, aber dann ist er am schönsten. Aus
vielen Türen tönt die Musik auf die Strasse und man braucht sich
eigentlich nur eine Bar oder einen Club auszusuchen. Aber Vorsicht:
Auch wenn New Orleans das "Sündepflaster der USA" ist - man darf
auf der Strasse Bier trinken - so gilt auch hier so streng wie
nirgends: "No Fun until 21". Minderjährige werden gnadenlos abgewiesen,
und minderjährig ist man bis 21. Im Jazz-Lokal Nr.1 der Stadt
hat man dabei allerdings keine Probleme. Die "Conservation Hall"
ist eine kleine Bruchbude ohne Restaurant oder Barbetrieb, und
Sitzplätze gibt es auch fast keine. Allerdings wird in diesem
kleinen Raum seit Jahrzehnten Jazz vom feinsten geboten. Die Hall
wurde damals zur Erhaltung des traditionellen Jazz gegründet und
hat sich bis heute kein Bisschen geändert. Dass sich der Jazz nicht
nur am Abend abspielt, zeigt folgende Anekdote: Alles begann mit
etwa vier Strassenmusikanten, die in der Fussgängerzone ein paar
Lieder zum Besten gaben. Mit der Zeit kamen immer mehr Musikanten
dazu, bis am Ende etwa zehn Leute das Ständchen in eine wilde
Jam Session verwandelten. Die Musiker kannten sich zwar nicht
alle, und niemand hatte je geregelt, wer wieviel vom Erlös bekommen
sollte, aber die Sonne schien und die Stimmung war gut.
...einer
Fahrt mit dem Raddampfer "Natchez" auf dem Mississippi gehört
zum touristischen Pflichtprogramm. Erst auf dem Wasser lassen
sich die Dimensionen des Stroms erkennen, der vom Ufer aus nicht
viel grösser als der Rhein erscheint (er ist es aber). Das Essen,
das geboten wird, erinnert zwar ein wenig an die Zeit im Militär,
aber die Jazzband mag das wieder ausgleichen. Und wenn dann das
Echo des Horns in den Hochhäusern der modernen Stadt widerhallt,
hat sich die Ausfahrt gelohnt.
...einem Kaffee im legendären Café du Monde. Ich weiss zwar nicht,
weshalb dieses wunderschöne Café zur Legende wurde, aber der Kaffee
ist besser als sonst (was in Amerika nichts bedeutet) und die
exklusiv angebotenen Beignets mit viel Puderzucker sind köstlich.
Im weiteren wird das Schweizer Herz von der Tatsache erzückt,
dass die Preise trotz Kultstatus normal geblieben sind.
...einer ruhigen Stunde auf einer Parkbank. Nichts ist schöner,
als die Zeit sich selbst zu überlassen, und ein paar Augenblicke
zurück zu lehnen. Vielleicht ist es eine Palme, vielleicht ein
Saxophonist oder vielleicht sind es zwei steppende Jugendliche,
die diese Minuten zu etwas speziellem werden lassen. Auf jeden
Fall ist New Orleans so am schönsten.