Schottland
Herzlich Willkommen in Schottland. Es gibt Leute, die reden über
Schottland als ein Teil Grossbritanniens wie über Schaffhausen
als Teil der Schweiz. Diese Menschen kennen weder Schottland,
noch die Schotten.
Die Schotten sehen sich als eigenes Volk und immer
mehr zeigt sich das auch im politischen Alltag Schottlands. So
haben sie zum Beispiel im Jahr meiner Schottlandreise über
ein wichtiges Referendum ihr eigenes Parlament gewählt, das
auch über Steuergelder verfügen kann. Eine eigene Fussballmannschaft
haben die Schotten ja schon lange.

Westlich von Inverness, bei Achnasheen
Die zwei faszinierendsten Gegenden Schottlands
sind die Highlands und die geschichtsträchtige
Stadt Edinburgh (auf Schottisch
"Edinb'rra" ausgesprochen).
Unter den Highlands versteht man das Gebiet zwischen Perth und
Inverness, in dem es nicht viel mehr gibt als die Eisenbahnstrecke
von Perth nach Inverness (eine kleine Übertreibung...).
Natürlich trifft man in dieser Gegend auf viele
der berühmten schottischen Whisky-Destillerien,
die dem Whisky den Namen "Scotch" geben. Übrigens darf nur
Whisky aus Schottland, der mehr als 8 Jahre gelagert wurde, diesen
Namen tragen.
Ebenfalls antreffen kannst du in Schottland die weissen määhenden
Wollknäuel, Sheeps genannt. Diesen Schafen wirst du garantiert
nie aus dem Weg gehen können, sie sind überall. Und
vermutlich wirst du Schottland auch nicht ohne einen gestrickten
Wollpullover verlassen. In beinahe jedem Ort Schottlands (und
etwas seltener auch in England) findest du eine Filiale der "Edinburgh
Whoolen Mill", einer Kette, die sich auf qualitativ hochstehende
Wollprodukte spezialisiert hat (soviel zur Werbung...)
Wenn du das Gebiet der Highlands erkunden willst,
ist Inverness der ideale Ausgangspunkt.
Von Edinburgh gelangst du mit der Eisenbahn dort hin. Die Fahrt
dauert zwar ein paar Stunden, sie ist aber unvergesslich, denn
sie führt teilweise durch Gebiete, in denen es ausser den
Geleisen nicht viel anderes gibt. Ausser der atemberaubenden Natur
natürlich (für einen bekennenden Städter wie mich
immer wieder atemberaubend).
In Inverness kann ich dir für die Übernachtungen
das B&B Kinkell House empfehlen. Es wird von einem freundlichen
Ehepaar geführt, hat etwa 7 Zimmer mit zwei bis vier Betten.
Als ich in Inverness war, machte ich einen Veloausflug zum Loch
Ness. Natürlich immer in der Hoffnung, ES zu sehen. Aber
daraus wurde nichts. Die Strecke bis zum Loch ("Loch" ist das
schottische Wort für "Lake" (See) und wird so ausgesprochen,
wie man es schreibt) solltest du nicht unterschätzen. Denn
erstens sehen Strecken auf Autokarten immer kleiner aus, als sie
sind, und zweitens windet es in Schottland bekanntlich immer,
und das nicht zu schwach und garantiert immer aus deiner Gegenrichtung.
Ich und mein Reisbegleiter mieteten also zwei original britische
Mountainbikes. Das typisch britische daran: Die Rückbremse
wird nicht rechts, sondern links betätigt und das Velo will
andauernd auf der falschen Strassenseite fahren. Nach einiger
Zeit hatten wir uns dann aber an den Linksverkehr gewöhnt
und fuhren der Hauptstrasse nach in Richtung Süden.
Da wir von Anfang an dem River Ness entlang fuhren
wussten wir nie so genau, ob wir schon am Loch Ness oder immer
noch am Fluss waren, und somit hatten wir keine Ahnung, wo wir
waren. Nach einer Zeit kamen wir dann aber am Loch an, und mussten
erst einmal am Ufer des Sees verschnaufen. Das Gebiet am Loch
Ness sieht übrigens recht "schweizerisch" aus.
Schottland hat Tausend Gesichter...
Wir fuhren danach noch einige Zeit lang dem See
entlang nach Süden, weil wir wussten, dass es dort ein tolles
Nessie-Museum (in Drumnadrochit)
gibt, das sämtliche Indizien (für die Schotten: Beweise)
für die Existenz des Urtiers beherbergt. In der Tat ist es
recht interessant, was die Schotten, und nicht nur sie, bisher
schon alles für das Monster von Loch Ness hielten. Mit aufwendigen
Computeranalysen und Morphing-Technologien werden aus wellen gefährliche
Drachen und aus Schatten grausame Monster. Trotz aller Kritik
muss ich gestehen, dass ich seit dem nicht mehr zu 100% davon
überzeugt bin, dass es Nessie nicht gibt.
Die Rückfahrt nach Inverness fiel uns nicht
minder schwer, da der ehemalige Gegenwind gedreht hatte, und uns
nun wieder entgegenbliess. Da lernt man einmal, warum es an der
Tour de France so viel bedeutet, wenn die Fahrer den Windschatten
der Teamkollegen ausnützen können. In Inverness angekommen
kauften wir uns zwei Flaschen Cider und machten es uns im Zimmer
des B&Bs gemütlich.
Was wäre Schottland ohne sein Hochland?
Nichts, also beschlossen wir, am nächsten Tag eine Fahrt
mit der Eisenbahn quer durch die Highlands zu machen. Von Inverness
aus wollten wir nach Kyle of Lochalsh fahren, an der Westküste
Schottlands. Das Vorgebirge gefiel uns aber so gut, dass wir beschlossen,
in Achnasheen (einem kleinen Kaff) einen Zug zu überspringen.
Ich sage nicht zu unrecht 'Kaff', denn in Achnasheen leben nur
gerade 70 Seelen, und ausser einer Tankstelle, einem B&B und
dem Bahnhof gibt es dort nichts. Zum Zeitpunkt unseres Aufenthalts
wurde jedoch gerade an einem Hotel gebaut. Die Gegend ist nämlich
nicht ganz verlassen, eine Überlandstrasse führt durch
die Gegend, und bringt ab uns zu ein paar Menschen vorbei.

Das Loch bei Achnasheen
Die Karte sagte uns, dass es in der Nähe des
Dorfs einen See gibt, also machten wir uns auf, ihn zu suchen.
An der Tankstelle kauften wir noch zwei typische Dreiecksandwiche
für den Lunch. Der See war etwa 2 Kilometer entfernt und,
wie du auf dem Bild siehst, wunderschön.
Nach dem Essen machten wir uns auf den Weg zurück
zum Bahnhof, wir wollten ja nicht den Zug verpassen. All zu viele
fahren da nämlich nicht. Normalerweise sind schottische Züge
recht pünktlich, und deshalb wunderten wir uns recht, als
nach 10 Minuten immer noch keiner gekommen war. Wir beaugapfelten
noch einmal den ausgehängten Fahrplan, und da war natürlich
so ein kleines rotes S. Nur im Sommer, und der hörte genau
eine Woche zuvor auf. Der nächste Zug kam also erst 4 Stunden
später wieder vorbei.
Weitere 4 Stunden in Achnasheen. Was macht man da? Nachdem wir
bald jedes der 583 Schafe persönlich kannten, beschlossen
wir auf den nächstgelegenen Hügel zu steigen, um die
gewaltige Natur etwas besser überblicken zu können,
und natürlich um ein paar gute Fotos zu schiessen.
Der Hügel war dann doch eher ein Berg, und
so waren wir nach etwa eineinhalb Stunden immer noch nicht auf
dem Gipfel, der immer hinter dem nächsten Gipfel zu sein
pflegte.
Wir dachten uns also: Wenn wir das Gipfelfoto aus der richtigen
Richtung aufnehmen, sieht niemand, dass wir nicht wirklich oben
waren (bitte nicht weiterverraten).

meiner einer (links) und seiner einer (rechts)
Nach drei Wasserlöcher, in die ich geschickterweise
reintrat, und etwa 100 weiteren Schafen waren wir dann wieder
im Dorf zurück. Im einzigen Laden am Bahnhof kauften wir
uns einige Schleckereien (Whisky Triffles) und ein Andenken, das
nicht jeder hat: Ein T-Shirt mit speziellem Achnasheen-Aufdruck
(Besitzer des gleichen T-Shirt! Meldet euch, dann gründen
wir einen Verein, mail-Formular).
Glücklicherweise fuhr der nächste Zug (dieses Mal in
Richtung Inverness) nicht nur im Sommer, und so kamen wir rechtzeitig
zum Dinner wieder in Inverness an.
Etwas wofür Schottland sehr berühmt ist,
is der Whisky. In Schottland
gibt es -zig Destillerien, die den goldenen Saft herstellen. 'Whisky'
kommt aus dem keltischen und bedeutet Wasser des Lebens (uisge
beatha). Die Herstellung des Malzwhiskys geht in Schottland mindestens
bis ins 15. Jahrhundert zurück, als die Mönche dieses
Handwerk beherrschten. Vermutlich wurde aber auch schon früher
Whisky gebrannt.
Zur Herstellung: Zuerst wird Gerste gemälzt, das heisst,
zum keimen gebracht. Von Wasser gefeuchtet entwickelt sich Stärke
in den Kernen, die sich später in Zucker umwandelt. Dieser
Vorgang geht etwa eine Woche. Der Keimvorgang wird dann durch
Trocknen gestoppt.
Dann werden die Keime gemahlen und mit heissem Wasser gemischt.
Die entstehende Maische hat viel Zucker, und einen starken Geschmack.
Der Malzschrot wird ausgeschieden und zu Viehfutter verarbeitet.
Nachdem der Maische Hefe hinzugefügt wurde, beginnt diese
zu gären. Der Zucker wandelt sich in Alkohol um. Nach zwei
Tagen ähnelt die Masse einem starken Bier und beinhaltet
etwa 8% Alkohol.
Nun wird dieser Saft ein erstes Mal destilliert, um Wasser und
Alkohol von der Hefe und anderen unerwünschten Rückständen
zu trennen. Das Ergebnis heisst 'low wines' und beinhaltet etwa
20% Alkohol. Durch eine zweite Destillation wird es auf 68% Alkohol
konzentriert.
Der entstandene Whisky fliesst durch ein Gerät,
das für die Steuerbehörde genau misst, wieviel Whisky
produziert wurde. Dem Destillateur muss also das Kunststück
gelingen, den Whisky richtig zu destillieren, ohne ihn einmal
probieren zu können. Der fertige Saft ist noch durchsichtig
und wird in Eichenfässer abgefüllt. Diese Fässer
wurden schon einmal benutzt und geben dem Malzwhisky die typische
Farbe. Übrigens, da freuen sich die Schotten: Weil das amerikanische
Gesetz die mehrfache Verwendung der Fässer verbietet, können
die Schotten die gebrauchten Fässer billig in Amerika einkaufen.
Oft werden auf spanische Sherryfässer verwendet, die natürlich
auch den Geschmack des Whiskys beeinflussen.
In Blair Atholl
(Bahnlinie zwischen Inverness und Edinburgh) haben auch wir eine
Destillerie besucht. Sie liegt sehr günstig, und kann deshalb
auch besucht werden, wenn man auf die Eisenbahn angewiesen ist.
Für einige Pfund kann man eine Tour durch die Destillerie
machen, und anschliessend den gesehenen Whisky auch noch degustieren.
In dieser Destillerie liegt auch ein sehr altes Fass aus dem Jahr
1956. Laut Angaben der Firma sei aus diesem Fass unterdessen etwa
die Hälfte verdunstet. Der dadurch sehr milde Whisky wäre
in der Menge praktisch unbezahlbar. Der Besuch der Blair Atholl
Distillery lohnt sich ganz bestimmt, wenn du einmal in Schottland
bist.
Übrigens: Single Malt Whisky ist Whisky aus nur einer Destillerie,
Blended Whisky ist zusammengesetzt aus verschiedenen Fabrikaten.
Das muss aber nicht heissen, dass Blended Whisky unbedingt schlechtes
ist. Es gibt Leute, die nichts anderes machen als Whisky zu degustieren
(ein Traumjob!) und zu vergleichen, um dann einen optimalen Blend
zu erzielen. als Vergleich: Der berühmte Lipton Yellow Label
Tea ist auch aus verschiedenen Teesorten zusammengesetzt und "trotzdem"
von hoher Qualität (dies soll keine Werbung sein: Auch Tetley
oder Goldmännchentee sind gut).
Wenn du einmal nur kurz nach Schottlands willst
- Städtereise sind ja in -, kann ich dir Edinburgh
wärmstens empfehlen. Die Geschichte der Stadt geht bis in
das fünfte Jahrhundert nach Christus zurück. Damals
entstand auf dem Castle Hill zum ersten Mal eine Festung. Die
Stadt wurde fortlaufend ausgebaut, wurde Sitz der schottischen
Könige und später schottische Hauptstadt. Die Häuser
in Edinburgh, die wir heute sehen, stammen grösstenteils
aus dem 17. und 18. Jahrhundert.
Edinburgh hat eine gut erhaltene Altstadt, die den
Besuchern einiges bietet. Alleine der Aufbau der Stadt ist einzigartig.
Weil Edinburgh auf verschiedenen Hügeln gebaut wurde, wird
es oft das Rom des Nordens genannt. Die Hügel führen
aber nicht nur dazu, dass es immer rauf und runter geht, sondern
auch dass man nie so recht weis, im wievielten Stock man sich
gerade befindet. Es kann dir gut passieren, dass du die längste
Zeit eine gerade Strasse lang gehst, und dich plötzlich auf
einer Brücke befindest, unter der es fünf Stockwerke
runter geht.
Die berühmteste Strasse Edinburghs ist die
Royal Mile und ein absolutes Muss. Wenn du oben beginnst, stehst
du vor dem Edinburgh Castle. Das ist der Ort der ersten Siedler
der Stadt und deshalb recht gut besucht. Folglich sind auch die
Eintrittspreise zum Schlossmusem gesalzener als die gesamte britische
Küche. Lass' das Schloss weg, es gibt in dieser Stadt auch
so noch genug zu sehen. Etwas unterhalb des Schlosses ist das
National Whisky Museum, das dir alles über die Produktion
und die Geschichte des Whiskys erzählt. Wie alle britische
Museums ist auch dieses recht unterhaltsam (mit viel "Theater")
gestaltet.
oberes Ende der Royal Mile mit Blick Camera Obscura (heller Turm
in der Mitte)
Einige Yards die Royal Mile runter kommst du zur
Camera Obscura (Der Turm mit
der Kuppel, Bild). Geh' rein! Das Haus beinhaltet einerseits ein
kleines Museum mit dreidimensionalen Bildern und Fotos der verschiedenen
Gattungen, unter anderem Fotos von Kesselfotoapparaten und Lochkameras.
Die Hauptattraktion ist aber die eigentliche Camera Obscura. Im
obersten Stock des Hauses befindet sich ein Raum mit einem eigenartigen
Tisch in der Mitte. Mit Hilfe von optischen Linsen und einem Spiegel
in der Kuppel des Turms wird das Geschehen der Stadt ohne Elektronik
auf den Tisch projiziert. Vielleicht kennst Du dieses altmodische
Verfahren ja aus dem Film "Addicted to Love". Mit Hilfe von Zoom
und Steuerung kannst Du die Menschen und Autos auf dem Tisch beobachten.
Und zwar live.
Nun wird es Zeit für eine Pause. Mit etwas
Glück findest du das gemütliche Pub "The Jolly Judge".
Über eine Treppe in einer Seitengasse findest Du in das Pub,
das anscheinend im Keller liegt. Innen angekommen, siehst du aber,
dass auf der anderen Seite die Fenster einen Ausblick auf die
tiefer liegende Stadt erlauben. Das Pub ist klein und gemütlich
und für ein Pint Cider oder Ale geradezu prädestiniert.
Wenn du ganz unten an der Royal Mile angekommen bist, hast du
wieder einmal die Qual der Wahl: Entweder du besuchst das Schloss
Holyrood Palace oder du wanderst weiter auf den Monument
Hill. Da wir nicht all zu lange in Edinburgh waren, gingen
wir weiter.
Blick vom Monument Hill auf die Stadt
Nach einem Aufstieg von etwa einer halben Stunde
sind wir auf dem Hügel angekommen. Monument Hill wird er
genannt, weil sich auf ihm einige sonderbare Bauwerke befinden.
Eines davon siehst du auf dem Bild. Ebenfalls auf dem Hügel
ist eine Sternwarte und ein Gebäude mit einer 3D Show über
die Stadt. Die Show bietet zwar nicht viel Neues, aber du solltest
deinen Beinen auch einmal den Gefallen einer Pause tun. Und auch
deine Augen werden dir für die dreidimensionalen Reize danken.
Der eigentliche Namensgeber des Hügels ist aber ein nie fertiggestelltes
Gebäude. Eigentlich hätte es einmal eine Art griechischer
Tempel werden sollen, ein Zeichen der Kulturverbundenheit. Dummerweise
ist dem Bauherrn aber nach ein paar Säulen das Geld ausgegangen.
Schottland-Tipps
- Verwechsle NIE britisch. schottisch und englisch. Schotten
sind nur Briten, weil sie erobert wurden. Und Engländer
sind sie nie gewesen, und werdens auch nie sein.
- In einem Pub trinkt man kein Cola oder Mineralwasser. Pflicht
sind: Ale/Beer/Bitter (Bier), Cider (Apfelwein) oder Whisky
(Wasser des Lebens)
- Im Bus hat man den Fahrpreis passend.
- Rede mit Schotten! Sie sind freundlich, und man versteht
sie viel besser als man denkt.
- Sei nicht verunsichert, wenn du Banknoten bekommst, die nicht
von der "Nationalbank" herausgegeben wurden. Es gibt in Grossbritannien
Geldscheine von beinahe allen Banken.
- Für ein B&B sollte man nicht mehr als 18£
bezahlen (Stand 1998)
- Vergiss die offiziellen Jugendherbergen, sie sind den Preis
nicht wert.