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Das Schweizer Ferienlager
Vom Herbst 1998

Liebe Schweizer Leser, geht zum nächsten Absatz, denn hier folgt eine kurze Beschreibung einer Schweizerischen (Un-)Tradition für Auswärtige. Jeder Schweizer, der nicht zu blöd, zu krank oder ein zu guter Schauspieler ist, muss mit 20 Jahren in eine 15 Wöchiges Ferienlager, genannt Rekrutenschule. Der Sinn dieser Schule wäre eigentlich, das Schweizervolk auf den kriegerischen Ernstfall vorzubereiten und Wehrmänner bzw. -frauen zu formen. Da es für die Schweiz aber beim besten Willen keine militärische Gefahr aus dem Ausland gibt (meine Meinung) und der Bund immer mehr Sparen muss (eine Tatsache), ist aus der Schweizer Armee ein grosses Pfadilager geworden. Zwar hat auch heute noch jeder diensttaugliche Schweizer sein Gewehr (bzw. Pistole) zu Hause stehen, und noch muss er alle zwei Jahre in einen Widerholungskurs, doch der Sinn dieser Institution wird endgültig unsichtbar, wenn man es einmal mitgemacht hat.
Während dem letzten Sommer hatte ich das Vergnügen meine Rekrutenschule zu absolvieren. Bei der Auswahl meiner Truppengattung hatte ich sehr darauf geachtet, dass sie nichts mit Kampfszenen (Schlammrobben) oder mit Maschinengewehren (mühsames Putzen und Pflegen) zu tun hat. Da ich schon viel gutes davon gehört hatte, entschied ich mich für die Sanitätstruppen, oder wie Anders-gattige gerne sagen, die "Sanitüten".

Als ob mich die Herren Oberste dafür bestrafen wollten, dass ich dem Militär nicht besonders gutgewillt gegenüberstand, wurde ich ins hinterste Kaff in den Berner Voralpen eingeteilt. Der Un-Ort heisst Gurnigel und ist ein Pass, zu dem man gelangt, wenn man von Bern aus etwa eine Stunde lang ins Kraut hinaus und hinauf fährt. Trotzdem bietet der Ort einem den dauernden Anblick der Zivilisation Thuns, das bei schönem Wetter zum Greifen nah scheint. Nach dem Motto "siehst Du dort die Stadt? Du bist hier!" schweiften meine Blicke oft in Tal hinunter. Praktisch jede Wachpatrouille (vor wem soll in einem solchen Gebiet ein Berghaus bewacht werden?) endete mit dem verträumten Blick an den Thunersee. Ich stellte mit immer ein hübsches Gartenrestaurant mit südländischer Musik und guter Stimmung vor, direkt am Seeufer und 50 km entfernt.

Am Anfang und vor der RS dachte ich immer, als Sanitäter würde man wenigsten etwas Sinnvolles tun. Menschen helfen, und nicht sie zerstören. Zu Beginn der Schule war es denn auch so. In den ersten drei Wochen lernten wir sehr viel neues. Eine Repetition des Nothelferkurses, Herzmassage, Injektionen, Infusionen und Verbände. Doch dann kamen sie, die Sanitätshilfsstellen, kurz San Histen. Nun war die Zeit des Sinnvollen vorbei.


Mobile Sanitäts-Hilfsstelle

Es gab einmal einen genialen (oder eher verrückten) Menschen, der erfand die "bewegliche" Behandlungsstelle zur Heilung der dringendsten Leiden. Diese Hilfsstelle besteht aus vier bis fünf Zelten und einer unmenge an Einrichtung. Um dieses Material aufzustellen und einzurichten benötigt eine geübte Truppe etwa 6 Stunden. Laut Planung wäre eine solche Zelteinheit immer 1,5 km hinter einer Front anzutreffen. Doch nun kommt der Hacken: Eine Front bewegt sich, umsomehr in der heutigen Zeit. Sobald sich diese Front jedoch mit mehr als 3 km am Tag verschiebt stürzt das System ab. #Schwerer Ausnahmefehler# würde mein Computer meinen. Denn wenn sich die Front schneller bewegt, als die Hilfsstelle das kann, wo liegt dann der Sinn einer solchen? Aber bis die Schweizer Armee kriegsbereit wäre dauerte es nach Angaben eines Leutnants so oder so etwa 5 Jahre. So viel zum Sinn der schweizer Armee. (Für Kurzschlussreaktionen: GSoA)


Gips-Übung

Das war nun also das Schicksal der nächsten Wochen. Aufbauen, Abbauen, Aufbauen,... Am Morgen, am Abend, in der Nacht (zu müde ist man im Militär so oder so immer), bei Sonne und Regen.

Zur Abwechslung gab es zwischendurch einmal einen Marsch. Der ursprüngliche Sinn eines Marsches (Marsch kommt von 'marcher', schnell gehen) wäre ein zügiger Spaziergang durchs Land. Eine Truppenverschiebung. Weshalb aber soll eine Sanitätstruppe marschieren? Das gesamte Material, ohne dem sie sinnlos ist, wird mit Lastern transportiert. Was für einen Sinn macht es da, wenn die Truppe zu Fuss geht? Das also der Sinn der Übung fehlte, konnte man sie also gut abändern: Aus dem Marsch wurde regelmässig eine Bergtour. Und diese war manchmal so bergig, dass sich die Zugführer (sozusagen "mittleres Kader") weigerten, das Gepäck mitzunehmen, da das verantwortungslos und gefährlich gewesen wäre. Einmal stürzte einem Rekruten sein Rücksack die Felswand hinunter. Er wurde heute noch nicht gefunden...


Zwischenrast auf dem Weg zum Gantrisch

Natürlich hinterlassen solche ausflüge auch gute positive Erlebnisse. "Erlebsnisswerte", wie unser Chef immer zu sagen pflegte. Von diesen Erlebnissen werden wir wahrscheinlich als 70jährige noch erzahlen, so wie es die heutigen 70jährigen tun. was wir hoffentlich verdrängt haben werden, sind die negativen Erlebnisse: So nass zu sein, dass nur noch die Zehenspitzen trocken sind, stundenlanges Warten auf irgendetwas, Materialkontrollen nach dem Abendessen, Befehle, da einmal So lauten und dann wieder gegenteilig, C-Schutz mit der Gasmaske und "Entgiftungspulver", Vorlesung über Sicherheitspolitik (die zu einer wilden Diskussion führte, da der Propagandafilm nur Blödsinn verbreitete),...


ohne Worte.

Kleiner Nachtrag: Demnächst (am 18. Mai 2003) stimtm das Schweizervolk über eine Armeereform ab, welche unter anderem die Dienstzeit verkürzt und die grösse der einsatzbereiten Armee verkleinert. Schon heute ist die RS auf 18 Wocher verlängert. Es besteht auch die Möglichkeit den ganzen Dienst als "Durchdiener" am Stück zu absolvieren.